Tower of London
Die eiserne Pforte des Towers von London krachte leise hinter Archibald Blackthorn ins Schloss. Er schritt durch die Steingewölbe. Kalter, feuchter Winterwind biss in sein Gesicht, eine unverschämte Kälte, die die Mauern des Towers seit Jahrhunderten atmeten. Hier, zwischen uralter Geschichte und tödlicher Gegenwart, regierte er sein Imperium mit Loyalität, Macht und Schattengeschäften.
Die Narbe über seinem linken Auge zog sich, wenn er die Kiefer zusammenpresste. Sein kurzgeschorenes graues Haar bedeckte den Kopf. Die stechend blauen Augen scannten die finsteren Gänge. Jede Falte seines wettergegerbten Gesichts erzählte von Kämpfen, jeder Muskel spannte sich. Er war der König dieses unterirdischen Bereichs. Kontrolle war sein Credo. Kontrolle war das, was ihm in der Vergangenheit genommen wurde.
Der Raum hinter der schweren Stahltür empfing ihn. Hier arbeitete der innerste Kreis seiner Vertrauten – keine Söldner, sondern Familie. Die Kälte der Burg verlor sich augenblicklich im warmen, synthetischen Licht der futuristischen Kommandozentrale. Holo-Karten von interstellaren Handelsrouten fluteten die dunklen Gewölbe. Die uralten Steine knarrten über ihnen, das ständige Echo der Geschichte, das die Schwere der Gegenwart untermalte.
Archibalds Hand fiel auf seine Brust. Seine Finger umschlossen unbewusst einen geheimnisvollen, alten Schlüssel an einer dicken Gliederkette. Der Schlüssel war kein Generalschlüssel für den Tower; er öffnete nur einen kleinen Kasten mit den Überresten seiner verlorenen Karriere. Ein Andenken an die Schmach, die ihn hierher getrieben hatte. Dieser Schlüssel symbolisierte die Hoffnung, die er bewahrte, und die unbedingte Loyalität, die er seinen Männern schuldete.
Vor ihm stand Lieutenant Colonel Robert Vance, ein Berg von einem Mann mit wachsamen Augen. Er zeigte auf das Primärdisplay. Die Projektion wechselte von einer Frachtliste zu einer dreidimensionalen Darstellung des Sonnensystems.
„Sir, das System meldet eine Abweichung auf der Zwergplaneten-Ebene,“ sagte Vance.
Archibald trat näher. Die Holo-Karte glühte kalt in seinem Gesicht. Am äußersten Rand, jenseits der Oortschen Wolke, leuchtete ein einzelner, roter Punkt. Unidentifiziert.
Er berührte den Punkt. Die Holo-Oberfläche übermittelte Daten. Größe: beträchtlich. Form: nicht-technologisch, organisch.
„Das verletzt unsere Neutralitätszone,“ stellte Archibald fest.
„Es sendet keine Waffensignaturen, Sir. Aber die Masse... das entspricht der dreifachen Verdrängung unseres Flaggschiffs, der Black Talon. Es manövriert nicht. Es existiert einfach nur.“ Vances Stimme hallte gedämpft im Gewölbe.
Archibalds Blick huschte unwillkürlich über die Schulter. An der dunkelsten Stelle des Raumes hing ein Ölgemälde – der alte Admiral, sein Mentor, der ihm die Schmach auferlegte. Ihm wurde heiß im Nacken. Der kalte Schweiß sammelte sich an seiner Stirn. Er wollte keine Wiederholung. Keine falschen Entscheidungen mehr.
„Status unserer Söldnerflotte?“
„Alle Einheiten sind in Alarmbereitschaft, versteckt in den asteroidischen Verstecken, wie Sie befohlen haben. Wir könnten in drei Minuten eine volle Kriegsbereitschaft erreichen.“
Archibald griff in die Tasche, holte einen kleinen, silbernen Zigarrenschneider heraus und betrachtete ihn kurz. „Wenn Weihnachten ein Feuergefecht ist, bringe ich das Geschenk des Feuers. Bereiten Sie die Black Talon vor. Volle Bewaffnung. Wir fliegen selbst.“
Die Krise hatte begonnen. Sie traf ihn nicht von außen, sondern grub sich sofort in die alte Wunde seines Geistes.
Die Black Talon glitt durch die Leere. Archibald stand auf der Kommandobrücke, die wirkte wie ein riesiger, schwimmender Schildkrötenpanzer. Die Brücke war aus tiefschwarzem, absorbierendem Material gefertigt, nur der Hauptbildschirm zeigte das eisige Firmament. Die Crew arbeitete in fast völliger Dunkelheit.
Die Söldnerflotte – drei Kreuzer, sechs Fregatten – schwebte in perfekter Formation, ein Imperium der Präzision, dem seine ganze Loyalität gehörte. Archibalds Herz pochte im Takt des Hauptantriebs. Der Schlüssel an seiner Kette drückte unter dem Uniformhemd auf seine Haut.
„Entfernung zum Kontakt: Fünfzigtausend Kilometer,“ meldete Lieutenant Vera Sorel, die Kommunikationsexpertin. Ihre Augen waren auf die Holo-Sensoren geheftet.
„Vance, geben Sie unseren Männern eine letzte Einsatzanweisung.“
Vance räusperte sich. „Denken Sie an die Kohle. Ich erwarte von jedem, dass er seine Weihnachtsgeschenke in Form von Siegprämien verdient.“
Die Anspannung löste sich für einen Atemzug in einem Knistern von Humor. Die Männer lachten kurz, metallisch und nervös. Archibalds Mundwinkel zuckten unmerklich. Seine Männer brauchten dieses Ventil, diese Erinnerung an die Menschlichkeit unter den Helmen.
Das fremde Objekt füllte den Hauptschirm. Es war ein riesiger, dunkler Körper, seine Oberfläche glänzte mit einer organischen Struktur, die an gefrorenen Baumwuchs erinnerte. Es sendete weiterhin nichts.
„Es bewegt sich,“ sagte Sorel. „Sehr langsam. Es ändert seinen Kurs in unsere Richtung. Geschwindigkeit: konstant, 0,001c.“
Archibald beobachtete das Display. Die sanfte Bewegung wirkte unnatürlich angesichts der Masse. Das Ding glich einer schlafenden Gottheit, die gemächlich ihren Kopf wendete.
Plötzlich flackerte die Kommandozentrale. Die Lichter dimmten auf ein tiefes, alarmierendes Rot. Archibald riss die Augen auf. Ein Stoß aus lähmender, alter Kälte durchfuhr ihn. Sein Magen verkrampfte sich. Die Adern an seinen Schläfen schwollen an. Das war der Geschmack von Verrat, der Moment, in dem die Kommandoebene ihn vor Jahren fallen ließ.
„Was geschieht?“ Er presste die Worte durch die Zähne.
„Eine Energie-Rückkopplung, Sir. Nicht kinetisch, eher ein... ein Puls. Unser Schildgenerator zieht zu viel Leistung. Das Objekt saugt uns nicht an, aber seine reine Energie überfordert unsere Systemreaktoren.“ Sorel kämpfte mit ihren Konsolen.
Das Ziehen im Bauch wurde stärker. Damals hatte er Präzision gesucht. Die Physik interessierte sich nicht für seine Befehle. Die Erinnerung legte sich wie ein nasser Sack auf seine Lunge: Die falsche Kurskorrektur, der Verlust der Dauntless.
„Alle Energie ableiten vom Antrieb auf die Sekundärschilde! Halten Sie die Position! Kein Zurückweichen!“ Archibalds Stimme war eisern.
Die Black Talon zitterte. Die Holo-Karten tanzten wild. Die Sensoren übertrugen nur Rauschen, das aussah wie eine Millionen Ameisen, die über das Display krabbelten.
„Wir sind blind, Sir! Auf Gamma- und Delta-Wellenlänge sehen wir nichts!“ Sorel biss sich auf die Lippe.
Archibald schloss die Augen. Er spürte den kalten Metallschlüssel. Er küsste die Kette, eine Geste, die nur seine Vergangenheit verstand. Kontrolle war Illusion. Nur Loyalität zählte.
Er öffnet die Augen. Sein Blick fiel auf Vances Konsole, wo die Daten wie in Fieber zuckten. Plötzlich bildete sich ein Muster heraus. Kein Rauschen, sondern ein Rhythmus.
„Sorel, filtern Sie das Rauschen. Suchen Sie nach einem Frequenzmuster – nicht nach einer Waffe. Konzentrieren Sie sich auf gepulste Gravitationswellen.“
Sorel nickte, ihre Finger flogen über das Touch-Interface.
BING.
Auf dem Hauptschirm erschien ein neues Overlay. Eine perfekte, geometrische Sinuswelle, die im Sekundentakt schlug. Es war ein technisch perfekter, regelmäßiger Puls. Ein Herzschlag.
Die gesamte Crew hielt den Atem an. Die Anspannung schnitt die Luft.
Archibald traf die Entscheidung. Seine Hände lagen fest auf dem Geländer. Er spürte die immense, pulsierende Macht seiner Flotte hinter sich. Jeder Finger hätte den Feuerbefehl geben können. Doch die Bilder des verlorenen Schiffes flackerten in seinem Kopf. Das Risiko konnte er nicht eingehen.
Er berührte den Schlüssel ein letztes Mal.
„Vance, geben Sie den Befehl: Schilde hoch, Waffen bereit! Halten Sie die Klingen gesenkt! Wir warten auf eine Antwort.“
Das war der Wendepunkt. Archibald hatte die Aggression abgewiesen, die ihm seine Vergangenheit befahl.
Die Zeit dehnte sich zu einem flüssigen, unerträglichen Gewicht. Die gesamte Brückenbesatzung verharrte in einer erstarrten Haltung. Jeder Blick fixierte das Display, wo der gepulste Herzschlag schlug. Die Rotfärbung der Kommandozentrale wirkte wie geronnenes Blut.
Archibalds Kiefer machte ihm Schmerzen. Er atmete flach. Ein Herzschlag. Es schickte keinen Krieg, sondern eine Existenzbestätigung.
Fünf Minuten. Zehn.
Sorel brach die Stille. „Sir, das Objekt entzieht sich unserem Sensorspektrum. Es bewegt sich nicht von uns weg, es entmaterialisiert sich langsam aus unserem Raum-Zeit-Bereich.“
Archibald beobachtete das Display. Der Herzschlag verlangsamte sich, die Sinuswelle flachte ab. Er wurde zu einem leichten Echo und dann zu... Stille.
Der rote Punkt verschwand am Rand der Holo-Karte.
„Gibt es eine Verfolgungssignatur?“
„Keine, Sir. Nichts. Es ist weg.“ Sorels Erleichterung durchzog ihre Stimme wie ein elektrischer Schlag.
Ein kollektives Ausatmen fuhr durch die Brücke. Vance wischte sich über das Gesicht.
Archibald lehnte sich zurück. Die Kälte im Nacken wich einer warmen, leisen Entspannung. Er hatte das Schlimmste vermieden. Die Schmach kam dieses Mal nicht.
„Melden Sie der Flotte: Mission erfolgreich. Geben Sie den Befehl zum Abzug. Und sagen Sie Vance, er soll die Prämien erhöhen. Wir hatten dieses Jahr ein friedliches Weihnachtswunder.“ Ein trockenes Grinsen zog seine Lippen herauf.
Die Crew lachte auf, ein befreiender, lauter Ausbruch. Sie arbeiteten schnell, die Spannung wich der Effizienz. Archibalds Loyalität war belohnt worden.
Spät in der Nacht kehrte Archibald in die tiefsten Gewölbe des Towers zurück. Die Stahltür fiel ins Schloss. Das ehrwürdige Gemäuer knarrte über ihm, das Geräusch wirkte nun nicht mehr bedrohlich, sondern wie ein zufriedenes Seufzen.
Er ging langsam durch sein privates Archiv. Das Licht der Gänge war spärlich, doch es fiel direkt auf die goldgerahmte Ölmalerei des alten Admirals. Archibald blickte nicht mehr weg.
Er hob die Hand und löste den alten, geheimnisvollen Schlüssel von seiner Kette. Das Metall fühlte sich kalt und schwer in seiner Hand an. Der Schlüssel öffnete nur einen kleinen, ledergebundenen Kasten. Archibald berührte die Oberfläche des Leders. Das zerbrochene Ehrenabzeichen lag im Inneren. Es war das Zeichen seines Scheiterns. Heute fühlte sich der Schlüssel nicht wie ein bitteres Versprechen an, sondern wie ein stilles, unerwartetes Geschenk.
Der Tower war ein Hort der Kontrolle und Zerstörung, ein Imperium der Schatten. Doch in den dunkelsten Gewölben, unter der größten Bedrohung, hatte er die Hand gesenkt und das Licht gewählt.
Die Kälte des Winterwinds drang durch eine Ritze im Stein. Sie erreichte Archibald. Doch seine innere Kälte war geschmolzen. Der Schlüssel wurde warm in seiner Hand. Er trug ihn als Symbol dafür, dass die größte Stärke nicht in der fehlerlosen Präzision der Waffensysteme lag, sondern in der Fähigkeit, die Hoffnung zu bewahren und an das Unvollkommene, das Friedliche zu glauben.
Archibald Blackthorn steckte den Schlüssel zurück. Er lächelte das Ölgemälde an. Die Schmach war verblasst. Das Abenteuer hatte ein Ende gefunden. Der neue Advent hatte begonnen. Er wandte sich ab. Sein Schritt war fest.
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