Dienstag, 16. Dezember 2025

16. Dezember 3528: Die Währung des Verstehens


Mars-Akademie der Wissenschaften und der Raumfahrt

Guo Han, Leiter der Astrophysik an der Mars-Akademie, stand vor dem Hologramm des Sonnensystems. Das blaue Licht der Projektion flutete den Raum. Er ließ die Planeten um Sol rotieren, um den Studenten die unterschiedlichen Umlaufbahnen zu zeigen. Als er das Hologramm dann ausschaltete, drangen die Lichtfinger der Sonne in den Hörsaal: Dieser Teil der Akademie stand auf dem Boden des Mars.

Guo Han verlagerte sein Gewicht auf seinen rechten Fuß; das linke Knie reagierte auf das Winterwetter draußen, obwohl der Hörsaal abgeschirmt war. Aber sein Unterbewusstsein wusste das nicht. Die alte Sportverletzung ruinierte wieder einmal seine professorale Haltung; reflexhaft zerrte er an seinem Kragen.

Mit der nächsten Frage wechselte einer der Studenten unverhofft das Thema: weg von Umlaufbahnen zu der schockierenden Entdeckung auf dem Merkur: Intelligentes Leben – eine fremde Spezies auf dem Planeten.

Die Frage danach war so brisant, dass Guo Han spontan antwortete. »Schier unglaublich« Die Entdeckung auf dem Merkur lockte ihn. Aber er war Physiker, nicht Biologe. Unwillkürlich seufzte er.

»Können wir sie verstehen?« Ein anderer Student knetete aufgeregt seine Finger.

Guo Han schüttelte den Kopf. »Wir stehen noch ganz am Anfang.«

»Wie sehen sie aus?«

Guo Han schob seine Brille hoch. »Das ist keine Frage für die Astrophysik.«

Die Studenten reagierten mit einem kollektiven Aufstöhnen der Frustration, aber er würde ihnen gewiss nicht sagen, dass es Menschen gab, die sie gesehen hatten.

Ein Klopfen an der Saaltür unterbrach die Diskussion.

Einen Augenblick später stand die Leiterin der Exobiologie, Sandra Kramer, in der Tür.

Guo Han zerrte an seinem Kragen. Gleich würde sie mit ihrem Wissen seine Autorität untergraben.

»Werte Kollegin.«

Sie reagierte mit einem bloßen Neigen des Kopfes. Keine ordentliche Begrüßung.

»Werte Kollegin, kann ich dir helfen?« Damit war die Hierarchie hoffentlich etabliert. Schließlich hatte sie keine Ahnung von seiner Materie, er aber sehr wohl ein Grundverständnis von erdfremden Organismen.

Sandra ignorierte seine Frage und wandte sich direkt an die Studenten. An seine Studenten.

»Es tut mir leid.« So sah sie nicht aus. »Ich muss euch euren Professor entführen. Direktor Stern bittet ihn umgehend in den Sitzungssaal des Senats.«

»Warum?« In dem Augenblick, in dem ihm die Frage entfuhr, hatte er sich eine Blöße gegeben: Damit gestand er der Kramer zu, dass sie in Sterns Auftrag Anweisungen erteilte.

»Es wird dich freuen: Ich habe eben deine Begeisterung für unsere Entdeckung auf dem Merkur mitangehört.« Sie grinste breit.

Warum beantwortete sie seine Frage nicht einfach? Guo Han zerrte ungeduldig an seinem zu engen Kragen. »Gut.« Sollte sie nur glauben, dass er eine Ahnung hatte, was sie meinte. Natürlich hatte er davon Ahnung; er hatte schließlich eine solide Allgemeinbildung. Und seine Frage würde er gewiss nicht wiederholen.

»Ich fürchte, ihr werdet für eine Weile Astrophysik per Hologramm lernen müssen, sofern Professor Han keine Vertreter für seine Vorlesungen hat.«

Dann wandte sie sich endlich wieder direkt an ihn. »Direktor Stern hat schon alles organisiert. In einer Stunde starten wir zur Merkur-Orbitalstation.« Sie nickte, unübersehbar amüsiert über seine Verblüffung. »Ja, auch du. Die Akademie-Leitung ist der Meinung, dass es kein Fehler ist, einen Astrophysiker mitzuschicken.«

Mit diesen letzten Worten degradierte sie ihn vor seinen Studenten zur zweiten Wahl. Guo Han ballte die Fäuste; dann griff er zu seiner Aktentasche. Nach einem Wort der Verabschiedung für seine Studenten eilte er der Kramer voraus zur Saaltür.


Zehn Minuten später betrat Guo Han den Senatsraum der Akademie. Nicht nur Marcus Stern erwartete ihn dort. Neben den Leitern aller wissenschaftlichen Fakultäten saßen zwei Admiräle und mehrere Generäle am Tisch. Wenn diese Leute wünschten, dass er zum Merkur flog, dann war das zweifellos eine Anerkennung seiner Arbeit.

Aber die Atmosphäre war angespannt. Wieder einmal herrschte Missstimmung zwischen Wissenschaftlern und Militärs. Worüber stritten sie diesmal? 

Admiralin Victoria Hawthorne, die das Kommando der Interplanetaren Raumflotte leitete, stand am Kopfende des Tisches. Mit blitzenden Augen listete sie die Gefahren auf, die ihnen von der Intelligenz auf dem Merkur drohte. Darum also ging es.

Sie bestand darauf, dass das Forschungsschiff der Akademie von zwei Geschwadern der Raumflotte begleitet wurde. 

Aber wissenschaftliche Missionen, die von Kriegsschiffen begleitet wurden, waren schon vor zweitausend Jahren auf der Erde zum Scheitern verurteilt gewesen. Seinerzeit pflegten die indigenen Völker die Forscher abzuschlachten; manchmal verspeisten sie sie auch.

Guo Han lief eine Gänsehaut über den Rücken; zuweilen war es ein Nachteil, viel zu wissen.

Er setzte sich neben Stern und blickte die Admiralin an. »Ich fordere, die Akademie als koordinierende Instanz einzusetzen.« Jemand von der Akademie musste die Kontrolle übernehmen. Selbst wenn es nur eine Exobiologin wie die Kramer sein sollte. Die kriegerischen Reflexe der Militärs mussten von wissenschaftlichen Prozeduren gebändigt werden.

»Vor der Forschung kommt die Risikoabschätzung.« General Fjodor Iljuschin versicherte sich mit einem Blick, dass er im Sinne der Admiralin sprach. Er stützte seine Hände schwer auf die Tischplatte und stand auf. Seine weitere Redezeit füllte er mit einer Aufzählung möglicher Risiken.

Die Militärs, Männer mit Sternen auf den Schultern, bezogen ihre Macht aus Rangabzeichen. Diese Offiziere hatten allesamt keine wissenschaftliche Ausbildung. Wie konnten sie sich anmaßen, über Forschung zu urteilen?

Aber Guo Hans Forderung hatten alle gehört. Damit waren sie gezwungen, eine Entscheidung zu treffen. 

Der General neben der Admiralin trommelte auf die Tischplatte – ein unmusikalisches Klopfen, das Guo Han wie eine falsch gesetzte Dezimalstelle schmerzte.

Marcus Stern verließ den Sitzungssaal, ohne in den Konflikt einzugreifen.

Zehn Minuten später kam er zurück, ein Hologramm in der Hand. »Ich habe soeben mit Senator Friedman geredet.« Er projizierte das Hologramm auf den Tisch. »Der Senator unterstützt den Vorschlag von Professor Han. Er wird für einen entsprechenden Beschluss sorgen.«

Damit hatte die Akademie bei dieser Mission die Kommandogewalt über die Militärs.


Ein paar Minuten später verstaute Guo Han seine astromischen Modelle in einer Reisekiste, zusammen mit einer handlichen Analytik-Maschine. Seine alte Kladde mit den eigenhändigen Korrekturen an längst überholten mathematischen Modellierungen schob er zu seiner Brille in die Seitentasche.

Gemeinsam mit Sandra Kramer und zwei anderen Wissenschaftlern fuhr er zum Hangar hinunter, der sich am Boden des Mars-Ozeans befand. Die Transportröhre war so eng, dass er kaum Luft zum Atmen bekam. Er schob zwei Finger unter seinen Kragen, aber das half wenig.

Als er den Hangar mit den Raumschiffen betrat, die Hände um seine Reisekiste geklammert, kreuzte er den Blick eines Technikers. Der Mann sah ihn mit einer Mischung aus Mitleid und Anerkennung an. Allen hier auf dem Mars galt er als jemand, der Theorien beugte; und jeder wusste, dass er in engen Räumen in Panik geriet.

Das Raumschiff, das sie zum Merkur bringen würde, war nur scheinbar größer als die Transportröhre zum Meeresboden: Er hatte genauso wenig Platz wie dort und bekam kaum genug Luft. Warum mussten die Raumanzüge so eng anliegen? Es wurde doch sowieso ein Helm darauf gesetzt.

Während das Schiff in den Starttunnel glitt, schloss Guo Han die Augen und rezitierte im Kopf die ersten zwanzig Nachkommastellen von Pi – ein alter Trick, um das Pochen in seinen Schläfen zu übertönen.

Während des Flugs zur Merkur-Orbitalstation unterhielt Sandra Kramer das Team mit Berichten von »Übersetzungsschachteln«, die die Merkurianer entwickelt hatten, um sich mit den Menschen zu verständigen. Und die Berichte der Kramer waren tatsächlich unterhaltsam – besonders, als sie die Imitationen der menschlichen Stimmen mit Tonaufnahmen illustrierte.

Und dann überraschte sie alle mit einer Enthüllung: Die Fakultät für Quantenmechanik hatte sich an einem Nachbau der Übersetzungsschachteln versucht, nachdem die Merkurianer sich strikt geweigert hatten, den Menschen eine ihrer Schachteln zu überlassen. »Ihr braucht sie nicht«, zitierte sie den Rat der Stadt Simora. »Sie funktionieren in beide Richtungen.«

Das kleine Gerät der Quantenmechaniker glich den farbenfrohen rechteckigen Schachteln der Merkurianer, von denen sie Fotos besaßen. Aber das Innenleben? Ihr Gerät jedenfalls besaß die Fähigkeit, Sprache in Muster zu zerlegen. Aber noch wusste niemand, ob das auch für die Merkurianer taugen würde. Heraus kamen jedenfalls nur Bilder und Grafiken, keine Töne wie bei den Schachteln der Merkurianer. 

Guo Han nutzte die letzten Stunden des Flugs zur Orbitalstation und testete die Übersetzungsschachtel mithilfe eines Technikers aus der Quantenmechanik. Sie nutzten die Aufzeichnungen, die sie von Gesprächen mit den Merkurianern besaßen, um sie auf jede nur denkbare Frequenz zu kalibrieren. Doch was das taugte, würden sie erst wissen, wenn sie Kontakt zu den Merkurianern bekamen.


Merkur-Orbitalstation


Schließlich dockte der Pilot das Raumschiff an die Merkur-Orbitalstation an. Eine von Guo Hans Studentinnen, die Kadettin Adeline Stellar, wartete hinter der Luftschleuse auf sie. Die junge Pilotin war eine von denen gewesen, die als erste mit den Merkurianern zusammengetroffen waren.

»Wie sind sie?« Guo Han hatte ihren Bericht verpasst, den sie nach der Rückkehr zur Akademie abgeliefert hatte. Nun fehlten ihm elementare Informationen. Alles, was er wusste, kam aus zweiter Hand.

Sandra Kramer drängte ihn zur Seite und begrüßte die Kadettin ganz unzeremoniell mit Handschlag.

Nachdem sich alle vorgestellt hatten, wandte sich die Stellar endlich an ihn. »Professor, ich hoffe, du kannst sie bald persönlich kennenlernen.« Sie wies den Korridor entlang. »Hier geht es zu euren Quartieren. Kommandantin Novak erwartet euch, sobald ihr euch eingerichtet habt.«

Das war eine Nicht-Antwort. Es gab offensichtlich immer noch Leute, die aus den Merkurianern ein Geheimnis machten. Aber gegenüber den Falken im Raumkommando war das der ganz verkehrte Ansatz.

Guo Hans Quartier auf der Orbitalstation war größer als er es von anderen Stationen kannte. Vor allem aber war es auch ein voll ausgestatteter Arbeitsplatz, der ihm allein gehörte.

Er schaltete zwei der Geräte ein und schaute sich an, auf welche Informationen er Zugriff hatte: Auf das gesamte Netzwerk der Station, wie es schien.

Er packte die Reisekiste aus und legte seine Unterlagen und die Kladde mit den Daten zur Übersetzungsschachtel neben das Terminal. Dann ging er auf die Suche nach dem Kontrollzentrum.

Zuerst landete er im Datenzentrum, wo ihm ein Major Chidike Kamau den Weg beschrieb, den er nehmen musste. Dann verlief er sich erneut und kam zu den hydroponischen Gärten der Orbitalstation.

Hatte er es eigentlich eilig? Wohl kaum.

Warme Luft und ein Schwall berauschender Düfte schlugen ihm entgegen, als er einen der Gärten betrat. Langsam wanderte er die Wege entlang. Er pflückte zwei Erdbeeren und einen Apfel. Sie waren reif und süß. Hier oben schienen sie bessere Bedingungen als auf dem Mars zu haben.

Als er schließlich das Kontrollzentrum betrat, leckte er sich noch immer die Finger ab.

Er hatte sich doch zu viel Zeit gelassen, denn Sandra Kramer war schon da und in ein intensives Gespräch mit einem Wissenschaftler und einer ranghohen Offizierin vertieft.

Nach einem Moment, in dem er in der Tür stand und sich im Raum umsah, kam ein junger Leutnant auf ihn zu.

Er streckte ihm die Hand entgegen. »Ich bin Sigurn Norske, Raumtechniker und zuständig für die Organisation der Kontakte zwischen uns und den Merkurianern.«

»Und zwischen der Leitung der Orbitalstation und den Wissenschaftlern, die hier arbeiten.« Die junge Kadettin, die Guo Han das zurief, klang, als sei das ein Grund für Stolz.

Guo Han musterte sie genauer. War sie nicht auch in seiner Vorlesung? Sie hatte jedoch nicht den gleichen Eindruck hinterlassen wie Kadettin Stellar. Sondern einen anderen: Sie brachte regelmäßig Gebäck aus dem Restaurant ihrer Eltern in die Vorlesung. Völlig unkonventionell! Wenn die Pastetchen nicht so gut schmecken würden, hätte er sie aus seiner Vorlesung geworfen. Khalil. Genau, das war Kadettin Khalil.

Guo Han lockerte den viel zu engen Kragen und ging mit ausgestreckter Hand auf die Offizierin zu, mit der sich die Kramer unterhielt. »Guo Han, Leiter der Astrophysik auf dem Mars.«

Die Kramer zog eine Augenbraue hoch, als ob sie ihm unterstellte, er wolle mit seiner Position Eindruck schinden. Aber er war doch die oberste Autorität für Astrophysik auf dem Roten Planeten.

Die Offizierin lächelte ihn an und nahm seine Hand. »Ich bin Zara Novak und verantwortlich dafür, dass alle hier ihre Aufgaben erfüllen können.« Können? So sah sie ihre Rolle als Kommandantin der Raumstation? Den anderen ihre Arbeit ermöglichen? Ein bemerkenswerter Ansatz. »Als Astrophysiker bringst du vielleicht ganz neue Aspekte in die Arbeit unserer Wissenschaftler. Wenngleich ...«

Die Kramer unterbrach die Kommandantin mit einem Zischen, das nach Missbilligung klang. Als ob die Würmerzählerei der Kramer die Menschheit weiterbringen würde.

Er ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen. »Ich denke ja. In Zusammenarbeit mit den Quantenmechanikern habe ich eine Übersetzungsschachtel funktionsfähig gemacht, mit der wir unabhängig von der Technik der Merkurianer sind.«

Die Kramer zog schon wieder eine Augenbraue hoch. Von Technik verstand sie natürlich nichts.

Technik. Auf einem der Bildschirme gab es fremdartige Gegenstände zu sehen. Spitz, mit ausgeprägten Abzweigungen. Er ging näher. 

Am unteren Rand des Bildschirms lief eine Folge analytischer Daten. Quecksilber, von anderen Metallen aber nur Spuren. Die Dinger bestanden in erster Linie aus organischen Elementen. Wozu mochten die gut sein?

Sandra Kramer stellte sich neben ihn. »Bemerkenswert, nicht wahr?«

Guo Han warf ihr einen Blick aus den Augenwinkeln zu. »Willst du damit sagen, dass du weißt, wozu diese Dinger benutzt werden?«

»Die chemische Zusammensetzung ist ungewöhnlich.« Die Kramer lachte und drehte sich um. Sie winkte Adeline Stellar heran. »Kadettin, was ist das?«

Sie kam an den Bildschirm. »Das ist aus Simora. Eine der lebendigen Städte.« Sie deutete auf ein Stück der Architektur, deren Oberkante an die Zinnen mittelalterlicher Burgen erinnerte. »Das ist eine Struktur, die sie irgendwie für ihre Kommunikation benutzen.«

Guo Han betrachtete die Zinnen mit schräg gelegtem Kopf. »Das auch? Bisher weiß ich nur von den bunten Schachteln.«

Die Kadettin schüttelte den Kopf. »Diese Schachteln benutzen sie, um uns zu belauschen, unsere Sprache zu lernen und zum Übersetzen.«

»Sie belauschen uns?« Guo Han stemmte empört seine Fäuste in die Hüften. »Und das lasst ihr zu?«

Norske schien sich über seine Empörung zu amüsieren. »Sei froh, Professor. Andernfalls könnten wir uns nicht mit ihnen verständigen.«

»Und was noch wichtiger ist. Noch viel wichtiger.« Die Stellar hatte einen verächtlichen Ausdruck in ihren Mundwinkeln. »Sie kümmern sich. Die Merkurianer haben meine Eltern gerettet, als sie während eines Erdbebens von allem abgeschnitten waren.«

Guo Han kniff die Augen zusammen. Von dem Zwischenfall hatte er gehört. Aber die Kadettin brauchte sich wirklich nicht so zu empören. Auch wenn es ihre Eltern gewesen waren – solche Zwischenfälle gehörten zum Berufsrisiko.

Unter Adelines tadelndem Blick zerrte er wieder an seinem Kragen. Ihre Direktheit ließ jede diplomatische Zurückhaltung vermissen.

Hitze stieg Guo Han in die Wangen. Auf der Flucht in ein Ablenkungsmanöver tippte er auf einen anderen Punkt auf dem Bildschirm. Ein längliches, schimmerndes Objekt, das in seinem Aussehen den Gondeln glich, die auf Fotos von den einstigen irdischen Ski-Gebieten abgebildet waren. In jener Zeit, in der es noch Gletscher gegeben hatte, transportierten sie Touristen auf die Berge. Er warf sich in einen Vortrag über energetische Signaturen.

Die Stellar stand neben ihm und schien aufmerksam zuzuhören. Aber ihre Mundwinkel waren zu einem Lächeln hochgezogen, als habe sie sein Manöver entlarvt.

Sandra Kramer verließ abrupt das Kontrollzentrum und kam gleich darauf mit der Übersetzungsschachtel zurück, die die Quantenmechaniker konstruiert hatten.

Mit einem stolzen Heben seines Kinns schaltete Guo Han das Gerät ein. »Während unseres Flugs habe ich das Gerät durchgetestet. Egal, welche Frequenz diese Spezies da unten«, er stockte angesichts des schockierten Blicks von Norske, »diese Spezies benutzt, unsere Schachtel kann die Muster erkennen und einordnen.« Was hatte dieser Norske denn?

Es gab aber keine Muster zu erkennen: Die Schachtel schien nicht in der Lage, Signale vom Merkur aufzunehmen.

Norske schaltete einen Bildschirm ein und dort erschien der Major aus dem Datenzentrum. »Chidike, unsere Gäste vom Mars versuchen, mit den Merkurianern Kontakt aufzunehmen. Kannst du helfen?«

Norske drehte sich zu Guo Han um. »Major Kamau hat sich zum Spezialisten für die Kommunikation mit den Merkurianern entwickelt.«

Aus dem Lautsprecher kam Kamaus Gelächter. »Das bedeutet lediglich, dass ich hier oben steuere, was die Merkurianer unbedingt hören sollen. Was sie darüber hinaus von unseren Gesprächen hören, darauf haben wir nach wie vor keinen Einfluss.«

»Das wird sich mit unserer Quanten-Schachtel ändern.«

Plötzlich schien das Kontrollzentrum in Schweigen zu versinken.

Irritiert blickte Guo Han von Norske zu Kamau auf dem Bildschirm und dann zur Kommandantin. Ihre Mienen waren ausdruckslos.

Das Gesicht der Kramer begann zu glühen, als sei sie verlegen.

Dann begann Kadettin Khalil zu kichern.

Was hatte das alles zu bedeuten? Guo Han rückte seine Brille zurecht und zerrte erneut am Kragen. »Major, kannst du also die Signale vom Merkur auf unsere Schachtel leiten, damit wir uns mit diesen ... da unten verständigen können?«

»Wenn dir daran liegt, Professor.« Dieser Kamau hatte den gleichen Tonfall wie die Kramer. Ein Militär, dem es an Achtung vor der Wissenschaft fehlte. Anderer Grund, gleiche Geringschätzung für die Physik wie die ›werte Kollegin‹.

Kamau ließ ihm ein sparsames Lächeln zukommen. »Vielleicht kann deine Schachtel die Zeit verkürzen, die wir normalerweise auf Reaktionen vom Merkur warten müssen. Aber verständigen können wir uns schon eine Weile lang.« Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen. Vermutlich dachte er jetzt an die seltsame Angewohnheit der Merkurianer, in den Stimmen der Stations-Besatzung zu reden.

Während er mit den Quantenmechanikern an deren Gerät gearbeitet hatte, hatte er die Aufzeichnung gehört, die die beiden Kadettinnen der Akademie-Leitung vorgeführt hatten. Es war gruselig gewesen. Welch ein Potential für Betrug und Täuschung!

Kein Wunder, dass die Militärs im Raumkommando Gefahren witterten.

»Soll deine Schachtel aufnehmen oder senden?« Was war das denn für eine Frage? Guo Han schnappte nach Luft.

Dann kreuzte er den Blick der Kramer. Sie sah immer noch so aus, als sei ihr etwas peinlich. Vielleicht sollte er auf sie Rücksicht nehmen und das Gespräch nicht völlig beherrschen. Immerhin gehörte auch sie zur zivilen Elite der Akademie. Möglicherweise brauchte er sie noch.

»Testen wir erst einmal die Qualität der Verbindung. Aufnehmen also.« Guo Han nahm der Kramer die Schachtel ab und stellte sie vor einen Lautsprecher. »Geht das von hier aus oder bringen wir sie in dein Datenzentrum?« Natürlich war diese Frage völlig überflüssig, aber ein guter Test für diesen Kamau.

Statt einer Antwort kippte Kamau irgendwelche Schalter in seinem Datenzentrum.

»Was für Signale erwartest du, Professor?« Die Khalil kam mit erwartungsvollem Blick auf ihn und seine Schachtel zu.

»Töne. Geräusche, die ihren Ursprung in dieser Stadt da unten haben.«

»Hm.« Das Gesicht der Khalil begann zu leuchten. »Du meinst, sowas wie Stimmen von dort unten?«

Kadettin Stellar verdrehte die Augen. »Wir, die wir unten waren, wissen schon, wie sich die Merkurianer anhören.«

»Aber wir verstehen nicht, was sie sagen, solange sie ihre Schachteln nicht einschalten.« Die Khalil lehnte sich an das Terminal, auf dem er die Quanten-Schachtel abgestellt hatte. »Wenn die Schachtel des Professors funktioniert, verstehen wir mehr. Keine Heimlichkeiten mehr. Erinnerst du dich noch an den Streit zwischen Lir’nas Vater und diesem abscheulichen Händler?« Sie wedelte mit der Hand. »Dieser Rel’van.« 

Kadettin Stellar rümpfte die Nase. »Du weißt, dass ich immer dafür bin, etwas Neues aufzugreifen.« Ihre Miene sagte aber das Gegenteil. »Professor, lass hören, was deine Maschine kann.«

Dazu musste die Schachtel erst einmal Daten vom Merkur empfangen.

Guo Han legte seine Hand auf die Schachtel und seinen Blick auf den Bildschirm. Dort machte Major Kamau immer noch etwas mit seinen Gerätschaften. Seine Bewegungen wurden hektischer; es lief wohl nicht so, wie es sollte.

Aber an seiner Schachtel lag das nicht. Oder doch? Guo Han versenkte seine Hände in den Taschen des Anzugs, damit niemand sah, wie sie zitterten.

Plötzlich erschienen auf einem der Monitore vor Kamau farbige Linien. Waren das nun Signale aus der Merkur-Stadt?

Aber Linien und Farben verstand seine Quanten-Schachtel nicht. Sie brauchte Tonfrequenzen.

Guo Han verbesserte mit einer Drehung die Feinabstimmung seiner Schachtel. Es war eine ganz überflüssige Geste, da sie ohne Töne zu nichts führte. Aber er konnte doch nicht einfach tatenlos herumstehen! 

Immerhin war bald unübersehbar, dass sich die Linien bei Kamau in einem gleichbleibenden Rhythmus wiederholten. Ungeduldig begann Guo Han, auf seinen Ballen zu wippen.

Plötzlich erklang ein Ton – in Kamaus Datenzentrum passierte etwas. 

Kamau drehte sich zur Kamera um und nickte Guo Han zu. »Professor, hörst du das? Kann deine Schachtel etwas damit anfangen?«

»Selbstverständlich.« Guo Han nahm die Hände aus den Taschen, gerade, als ein neuer Ton erklang. Eine Oktave höher als der erste. »Kannst du die Töne lokalisieren?«

»In etwa. Die Quelle ist in der Nähe eines Quecksilbersees am Rande von Simora.«

Töne von den Merkurianern. Erleichtert wischte Guo Han über die Bildfläche seiner Schachtel. Gleich würde eine Reaktion zu sehen sein.

Norske kam einen Schritt näher. »Was sagen sie?«

Aber die Bildfläche blieb dunkel.

Guo Han biss die Zähne zusammen; nervös zerrte er an seinem Kragen. »Es ist noch zu wenig, um das zu entschlüsseln.« Sie hätten die Schachtel mit authentischem Material trainieren müssen. Aber die beiden Kadettinnen hatten nur die Übersetzungen zur Akademie gebracht – obendrein in den Stimmen von Besatzungsmitgliedern der Orbitalstation.

Die Töne wiederholten sich. Die Anspannung im Kontrollzentrum wuchs. Alle richteten ihre erwartungsvollen Blicke auf die Quanten-Schachtel.

Es war eine Situation wie bei den Abschlussprüfungen der Akademie. Nur stand er jetzt auf der falschen Seite. Aber es war nicht sein Fehler, wenn die Techniker in der Quantenmechanik schlampig gearbeitet hatten.

Zu den beiden Tönen kamen zwei weitere, längere, hinzu. Die vier Töne wiederholten sich und fanden einen gleichmäßigen Rhythmus. Sie pulsierten.

Aber die Schachtel reagierte immer noch nicht darauf.

»Ist das ein Lied?« Kamau drehte wieder an seinen Schaltern und der Rhythmus, in dem die Töne pulsierten, wurde ungleichmäßig. Hatte Kamau das verursacht oder hatten die Merkurianer selber etwas geändert?

Sandra Kramer lachte lauthals. »Ein Lied. Freilich, da könnte jemand an einer Melodie arbeiten«, stieß sie unter Gelächter hervor.

Guo Han drehte sich für eine zornige Entgegnung zu ihr um. Dabei traf sein Blick die beiden Kadettinen; sie wirkten genervt. Kein Wunder, so respektlos wie sich die Kramer benahm.

»Mit einer Melodie kann man das wohl vergleichen.« Die Stellar blickte Norske an. »Oder?«

Norske nickte. »Aber es sind keine merkurianischen Stimmen. Die Leute dort unten klingen ganz anders, wenn sie reden.«

Die Khalil fuhr mit ihrer Hand über die Quanten-Schachtel. »Armes Ding! Hier gibt es nichts für dich zu übersetzen. Du müsstest Gefühle und Stimmungen verstehen können.«

»Was soll das heißen?« Guo Han verschränkte die Arme. »Die Merkurianer kommunizieren Worte mit ihren Schachteln, oder nicht?«

»Die Merkurianer schon.« Die Stellar hatte inzwischen ein geradezu hinterhältiges Grinsen in ihrem Gesicht. »Aber diese Töne kommen von Simora. Die Stadt reagiert mit Gefühlen.«

Guo Han kniff die Augen zusammen. Städte hatten keine Gefühle. Selbst dann nicht, wenn sie lebendig waren wie ein irdisches Korallenriff. 

Frauen!

Guo Han schaltete die Quanten-Schachtel kurz aus und wieder ein. Sie musste doch endlich etwas liefern. Aber die Bildfläche blieb immer noch dunkel.

Die vier Töne begannen, ihn zu hypnotisieren. Sein Herzschlag synchronisierte sich mit ihrem Rhythmus. Sein Hirn schien in Watte gepackt.

»Was bedeutet das?« Die Frage hatte er zwar schon einmal gestellt, aber die Antwort war alles andere als erhellend gewesen. »Die Töne wiederholen sich alle sieben Takte.« 

»Simora reagiert auf ihre Art.« Die Kramer blickte ihn herausfordernd an: Er sollte es nur nicht wagen, ihre Kompetenz als Exobiologin in Frage zu stellen.

Guo Han veränderte die Einstellungen an seiner Schachtel, aber er bekam immer noch keine Signale aus ihr heraus. »Ich sollte doch zu Major Kamau ins Datenzentrum gehen. Bestimmt ist der Empfang dort besser.«

»Der Empfang von was?« Die Kommandantin musterte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. »Die Merkurianer pflegen uns keine Nachrichten zu senden. Nur in absoluten Ausnahmefällen.«

»Professor, wenn du deine Schachtel testen willst, musst du hinunter auf den Merkur.« Kadettin Stellar hatte wieder ihre insolente Miene aufgesetzt. »Und darauf setzen, dass du auf einen Merkurianer triffst.«

»Deren offizielle Politik ist immer noch, dass sie nichts mit uns zu tun haben wollen.« Norske schien auch irgendwelche aufrührerischen Gedanken zu hegen. Als sei er damit einverstanden; aber das konnte doch nicht sein. 

Guo Han bewegte seinen Kopf hin und her und schüttelte die Hypnose ab. Mit zusammengepressten Lippen blickte er auf seine stumme Quanten-Schachtel. »Städte haben keine Gefühle.« Mit einem verächtlichen Blick für die Novak aktivierte er den Uplink zur Mars-Akademie. Die Kollegen von der Quantenmechanik würden ihm sagen, was diese Töne mitteilten. Er sandte die Aufzeichnung aus dem Datenzentrum der Orbitalstation an die Quantenmechaniker.

Professor Chin Sen antwortete ihm, die Stirn sorgenvoll gefaltet. »Was hat das zu bedeuten? Kann unsere Schachtel keine zuverlässige Übersetzung dafür liefern?«

Guo Han schob seinen Zeigefinger unter den Kragen. Jetzt war höchste Diplomatie gefragt. Die Quantenmechaniker durften sich keinesfalls entmutigt fühlen. Oder gar herabgewürdigt.

»Du kennst ihre Mechanik viel besser als ich.« Guo Han zog seine Mundwinkel zu einem sparsamen Lächeln hoch. »Ich vertraue ganz auf dein Urteil.« 

Die Falten auf Chin Sens Stirn vertieften sich weiter. »Das hört sich nicht gut an.«

»Du kannst das also interpretieren.« Guo Han atmete langsam aus.

Chin Sen schüttelte den Kopf. »Ich interprettiere gar nichts. Das ist keine Nachricht, kein Text. Aber diese Signale haben eine Bedeutung. Und sie gefällt mir gar nicht. Wir müssen das sofort dem Raumkommando vorlegen.«

Chin Sen wollte sich die Hände in Unschuld waschen; so ein Hasenfuß.

»Das ist nicht notwendig. Die Mars-Akademie hat die Federführung in dieser Unternehmung. Wir haben das vor Tagen entschieden.«

Wieder schüttelte Chin Sen den Kopf. »Das mag sein. Aber in Sachen Verteidigung sind wir auf die Raumflotte angewiesen. Unsere Schiffe taugen nur für Forschungsexpeditionen.« Er legte einen Schalter an seinem Terminal um.

Sein Bild rückte in die untere linke Ecke des Monitors und machte der Ansicht des großen Sitzungssaals Platz.

Guo Han schluckte: Es sah aus, als hätte dort alle Welt darauf gewartet, welche Nachrichten er von der Merkur-Orbitalstation schicken würde.

In einhundertsiebzig Millionen Kilometern Entfernung hatte sich die Führungselite der Galaxis versammelt. Dort saßen die Mitglieder zweier Ausschüsse des Interplanetaren Parlaments, mehrere Offiziere des Raumkommandos und sogar zwei Generäle der Landarmee.

Statt mit Akten und Dokumenten war der Tisch mit gebrauchten Tellern übersät, auf manchen noch Essenreste. An der kurzen Seite vor den Fenstern zum Ozean stapelten sich Tassen, Gläser und leere Flaschen.

Als ob sie die Tage seit dem Abflug zur Merkur-Orbitalstation in diesem Sitzungssaal verbracht hätten. 

Aus dem Off erklang die Stimme von Chin Sen. »Wir haben neue Signale vom Merkur.« Er spielte die Tonfolge ab, die in Kamaus Datenzentrum aufgefangen worden war. Sie lief eine ganze Minute lang mit all ihren Variationen.

Kadettin Stellar lachte auf; dann schlug sie sich die Hand auf den Mund, um ihr Gelächter zu dämpfen.

Guo Han funkelte sie zornig an. »So benimmt sich keine angehende Offizierin.«

Die Stellar nahm die Hand vom Mund. »Entschuldige, Professor. Aber das ist lächerlich. Aminah und ich haben schon vor Wochen mehr Informationen als das über die Merkurianer geliefert.«

Das Hologramm vor ihnen zentrierte sich auf Admiralin Hawthorne. »Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Bevor die Merkurianer die Lage eskalieren können, setzen wir zwei Geschwader zum Merkur in Marsch.« Sie schaltete ihr Tablet ein und tippte.

»Unfassbar!« Kadettin Khalil schlug mit ihrer Hand auf einen Monitor, sodass es laut schepperte. »Kann jemand diesen Leuten mal erklären, dass diese Signale nicht von den Merkurianern gesandt werden?«

»Vor allem, dass die Merkurianer eine so viel höhere Ethik als wir haben, dass sie uns nie bedrohen würden?« Kommandantin Novak blickte angewidert auf das Hologramm.

Anscheinend war die gesamte Besatzung der Orbitalstation der Faszination der fremden Spezies verfallen. Irgendwie verständlich war es ja schon: Schließlich war es das erste Mal, dass sie in ihrem eigenen Sonnensystem intelligentes Leben entdeckt hatten. Und dann noch auf so einem Feuerplaneten wie der Merkur! Damit hatte niemand rechnen können.

Die Kramer sah auch äußerst zufrieden aus.

Dann polterte ein anderer General in den Saal – derselbe, der in der Sitzung zuvor die Tischplatte bearbeitet hatte. In einer Hand trug er eine Tasse Kaffee; zwischen den Zähnen hatte er einen Adventskeks.

Er setzte sich und blickte zur Kamera. »Na, Herr Professor, schon Weihnachtslieder auf Merkurianisch gehört?« Während er sprach, bröselte er Keks auf den Tisch, als wollte er die Tastatur vor sich mit feinen Krümeln bestreuen. Er grinste breit.

Guo Han starrte auf die Krümel, die in der schwachen Gravitation des Mars wie kleine, braune Pollen über den Bildschirm schwebten. Er öffnete den Mund für eine scharfe Erwiderung über Hygiene und Datenintegrität.

Da lachte die Stellar. Ihr Lachen verleitete Guo Han zu einem glucksenden Geräusch, halb Husten, halb Amüsement. Die ganze Atmosphäre hier bedrohte seine Integrirtät. 

Mit einer Handbewegung wischte sich Guo Han das Lachen aus dem Gesicht. Dann studierte er die Miene von Stern, der am Rande des Hologramms an der Wand des Sitzungssaals lehnte, als spiele die Akademie keine Rolle mehr.

Das ging so nicht! »Der Beschluss lautet, dass die Mars-Akademie diese Operation leitet.« Vorsichtshalber stellte Guo Han sein Mikrofon lauter. »Bei allem Respekt, Admiralin, du kannst nicht einfach die Flotte gegen den Merkur schicken.« Seine Kehle wurde eng; er zerrte mit beiden Händen am Kragen, aber er brachte kein weiteres Wort heraus. Sein Herzschlag dröhnte in seinen Ohren.

Als er einen anerkennenden Blick von der Stellar auffing; begann sein Gesicht zu glühen.

War er jetzt auch der Faszination der Merkurianer erlegen? Er wusste doch nicht einmal, wie sie aussahen.

Auf dem Hologramm quittierte Marcus Stern seinen Protest mit einem Nicken.

General Iljuschin, der Adjutant der Hawthorne, warf ein Abbild des Raumsektors an die Wand, in dem die Flotte stationiert war. Bis auf die zwei Geschwader, die dem Befehl der Admiralin folgten, hingen die Schiffe bewegungslos im All. »Wir schicken niemanden ... gegen ... den Merkur. Wir patrouillieren den Raum zwischen uns und dem Merkur.«

Wenn Iljuschin das sagte ... Aber solange die Admiralin das nicht bestätigte, durften sie sich nicht darauf verlassen.


Als der Abend über der Station hereinbrach, gab es noch immer keine Neuigkeiten von den Merkurianern oder von ihrer Stadt. Sie reagierten auf keines der Signale, die sie aussandten, und auch nicht auf die anfliegenden Geschwader.

Unruhig wanderte Guo Han durch die Korridore der Orbitalstation. Mehrmals wurde er angesprochen, oft mit einem besorgten Blick. Aber niemand sollte den Verdacht haben, er sei unsicher. Er reagierte daher mit interessierten Fragen über die Raumstation und mit der Behauptung, er sei auf Erkundung.

Dann stieß er auf einen der Köche und fragte ihn über die Lebensmittelherstellung aus.

Damit hatte er die perfekte Ausrede für seine Wanderung gefunden: Der Mann packte ihn begeistert am Arm. »Ich zeige es dir, Professor.« Er lotste ihn zu den hydroponischen Gärten.

Mit einem temperamentvollen Schwung öffnete er eine Tür. »Sieh dich ruhig um, Professor. Ich muss zurück in die Küche. Aber keine Sorge; du kannst dich nicht verlaufen. Es ist alles gut gekennzeichnet.«

Guo Han betrat den Garten. Endlich allein und ungestört; er brauchte sich nicht in sein Quartier zu verkriechen. Wo er überdies jederzeit als erstes gesucht werden würde, wenn jemand etwas von ihm wollte.

Auch dieser Garten schien weit üppiger als die Gewächshäuser auf dem Mars.

Er schlenderte an Kirschbäumen vorbei, die in voller Blüte standen. Dahinter stieß er auf ein großes Beet Stachelbeersträucher. Er bückte sich und begann zu pflücken. Die Dornen zerrten an seinem Ärmel, aber der Stoff hielt.

Wie in seiner Kindheit aß er die Beeren direkt vom Strauch. Wie in seiner Kindheit setzte er sich auf den Weg direkt daneben, unbekümmert über die feuchte Erde und die spitzen Kieselsteine, die seine Hose ruinierten.

Nur das Licht, das war hier anders. Künstlich. Über ihn hingen Lampen, die den Bedürfnissen der Pflanzen angepasst waren. Manche brannten hell wie die Sonne, andere tauchten die Gewächse in tanzende Schatten. Einige Lichter schimmerten orangegelb, andere näherten sich dem bläulichen Spektrum.

Und Lautsprecher gab es hier: Einer wurde plötzlich lebendig und rief zum Abendessen. Guter Service.

Guo Han blickte auf die Stachelbeeren in seiner Hand. Das war gewiss nicht genug, um satt zu werden.

Er steckte die restlichen Beeren in den Mund und machte sich auf die Suche nach der Messe.

Sie war leicht zu finden. Der Geruch von gebrannten Mandeln und der Duft von gegrilltem Fleisch wiesen ihm den Weg.

Das Klirren von Gläsern und Gelächter empfingen ihn. Von der Anspannung des Nachmittags war nichts mehr zu spüren.

An der Theke stieß er auf Major Kamau, der ihm leutselig auf die Schulter klopfte.

Guo Han versteifte sich für einen Moment, aber dann brachte er ein Lächeln zustande und eine Frage heraus: »Haben wir Neuigkeiten von diesen Merkurianern?«

Kamau zuckte die Achseln. »Der Rat von Simora pflegt nicht mit uns zu reden.«

»Sie hören uns zu.« Die Novak stellte ihren Teller neben seinem ab, nahm ein Hühnerbein aus einer Servierpfanne und zwei Löffel von einem roten Gemüse. »Sie hören uns schon so lange zu, dass sie nicht mehr mit uns reden wollen.«

»Sie haben keine hohe Meinung von uns Menschen.« Kamau griff nach einem Stück Pizza. »Ehrlich gesagt, kann ich es ihnen nicht verdenken.« Er wies mit seiner Gabel zu dem Hologramm über ihnen. »Schau nur, was unsere Flotte jetzt schon wieder anstellt.«

»Die beiden Geschwader, die die Admiralin losgeschickt hat, tun doch gar nichts.« Warum verteidigte er plötzlich die Maßnahmen der Militärs?

Er fing einen Seitenblick der Novak auf. Hoffentlich hielt sie ihn jetzt nicht für opportunistisch. 

Guo Han betrachtete misstrauisch das Hühnerbein auf dem Teller der Novak. Das Fleisch war doch bestimmt synthetisch; hier oben gab es weder Hühner noch andere Tiere. Er hielt sich lieber ans Gemüse; da hatte er gerade gesehen, dass es echt war.

Er lud sich überbackenen Chicorée, Rosenkohl und ein undefinierbares grünes Gemüse auf den Teller. Dann setzte er sich an einen Tisch.

Die Stellar schob ihm die Teekanne hin. Er füllte sein Glas; die Teeblätter waren bestimmt auch nicht synthetisch.

Gegenüber von ihm saß ein junger Mann in einem zivilen Overall. »Was tut ein astronomischer Physiker eigentlich?« Er schwenkte sein Messer. »Ich meine, in unserem Sonnensystem gibt es doch nichts mehr zu erforschen, oder?«

»Haben wir nicht gerade etwas Neues entdeckt?« Guo Han setzte ein unschuldiges Lächeln auf.

»Du meinst die Merkurianer?« Der Techniker blickte sich um, als fürchte er, bei einer unangemessenen Wortwahl ertappt zu werden. »Aber das sind Lebewesen; kein Thema für einen Physiker.«

So ein Schnösel! »Und was machen die Geologen hier? Und die anderen, die seit fünf Jahren den Merkur erforschen? Die befassen sich mit Steinen und Metallen.«

Der Mann errötete und vertiefte sich schnell in sein Essen. Er sah erst wieder auf, als sein Teller leer war. Dann ergriff er die Flucht.

Der würde sich nicht mehr abfällig über die Astrophysik äußern.


**Die Merkur-Stadt**


Am nächsten Morgen lud Sandra Kramer Guo Han ein, zusammen mit ihr auf die Suche nach den Merkurianern zu gehen. Die Stationsleitung kommandierte die Kadettinnen Stellar und Khalil zur Begleitung ab, denn die beiden jungen Frauen hatten anscheinend die besten Kontakte zu den scheuen Merkurianern.

Celestino Rivera steuerte eines der Shuttle der Orbitalstation hinunter zum Merkur. Trotz der Dunkelheit der langen Merkur-Nacht landete er es meisterhaft in einer von Felsen übersäten Schlucht.

Obwohl die Fenster des Shuttles geheizt waren, bildete sich Kondenswasser an ihrer Außenseite und verzerrte die Sicht auf die eisige Welt vor ihnen.

»Perfekt, Celestino.« Die Stellar klopfte dem Piloten auf die Schulter. »Wir kommen spätestens in vier Stunden zurück.« Sie deutete auf den Horizont, wo die Teminator-Linie in einem sanften Orange leuchtete. »Bevor die Sonne hier ist.«

Als Guo Han hinter den beiden Kadettinnen den Merkur-Boden betrat, erhob sich ein Grollen aus der Tiefe unter seinen Füßen. »Was ist das?« Im Helmlautsprecher klang seine Stimme dünn und atemlos. Hoffentlich kam sie nicht genauso bei den beiden an. Das klang ja, als fürchte er sich.

Die Kramer verließ hinter ihm das Shuttle und schob ihn mit beiden Händen aus dem Weg. »Professor, das ist die Begrüßung durch den Planeten. Mir scheint, der Merkur kann uns genauso wenig leiden wie seine Bewohner.«

Guo Han wandte den Kopf hin und her, um den Druck auf seine Kehle zu verringern. Verfluchter Raumanzug! Sein Kragen war viel zu eng.

Die beiden Kadettinnen lenkten mit Handzeichen seinen Blick auf eine dunkle Öffnung in der Felswand einige Meter über dem Talboden.

Mussten sie dort hochsteigen? Und das mit seinem Knie. Guo Han schnaufte empört. Dann folgte er mit langsamen Schritten den beiden jungen Frauen.

Hinter ihm startete das Shuttle. Wartete Rivera etwa nicht auf ihre Rückkehr? Und wenn sie plötzlich Hilfe brauchten?

»Komm, Professor. Es ist kalt hier draußen.« Die Kramer gab ihm einen Schubs. Seit sie auf der Orbitalstation angekommen waren, kannte die Überheblichkeit der Exobiologin keine Grenzen mehr.

»Woher weißt du, dass wir hier überhaupt auf dem richtigen Weg sind?«

Die Kramer lachte. »Adeline und Aminah waren hier schon mehr als einmal.«

Die Stellar blieb stehen und drehte sich zu ihnen um. Guo Han atmete auf; die kurze Pause half seinem Knie. Dieser Aufstieg war noch viel anstrengender als gedacht.

»Warum hat uns Rivera nicht direkt hier abgesetzt?« Die Frage verriet seine Schwäche, aber gerade war das egal.

»Wo sollte er das Shuttle hier oben aufsetzen? An die Wand kleben? Das Schiff hat keine Saugnäpfe.« Die Stellar machte sich über ihn lustig; nach seiner dummen Frage war das zu erwarten gewesen.

Trotzdem stellte er noch eine Frage. »Wie sicher sind wir denn, dass wir hier auf Merkurianer treffen?«

»Gar nicht.« Auch die Khalil klang amüsiert. »Wir kommen ohne Einladung. Und der Weg nach Simora? Wir sind ihn noch nie zu Fuß gegangen.«

»Deswegen wissen wir auch nicht, wie weit entfernt die Stadt ist.«

Also ein recht zweifelhaftes Unterfangen. Wahrscheinlich machten sie diesen Flug nur, weil die Novak den Gästen von der Mars-Akademie etwas bieten wollte.

Die Kommandantin der Orbitalstation behandelte sie wie Touristen, nicht wie Wissenschaftler. Typisch Militär mal wieder.

Die Öffnung in der Felswand war so schmal, dass sie sich seitlich hindurchzwängen mussten und ihre massigen Atemgeräte trotzdem an der Wand entlang schrappten.

Dahinter betraten sie einen schmalen Tunnel. Guo Han schaltete seine Helmlampe ein und leuchtete die Wände ab. Dunkel, silbrig glänzende Einschlüsse. Quecksilberadern vermutlich. Auf dem Tablet, das in sein Visier eingebaut war, rief er die Daten ab, die Larissa Alexejewa, die Chemikerin des Forschungsteams der Orbitalstation, hier in der Gegend erhoben hatte. Aber sie waren wohl unvollständig. Nichts von dem, was sie analysiert hatte, entsprach ihnen bekannten Verbindungen. Wie konnte das sein?

Die Wände waren anfangs glatt geschliffen, vermutlich über hunderttausende von Jahren von unteridischen Quecksilber- und Lavaströmen geformt.

Hin und wieder gab es schwach schimmernde Wegmarken: Hier waren Forscher von der Orbitalstation schon einmal gewesen. Und die beiden Kadettinnen führten sie selbstsicher und ohne zu zögern durch ein Labyrinth schmaler und breiter Gänge.

Guo Han begann zu frieren. Er drehte an dem Temperatur-Regler seines Anzugs, aber ihm lief ein Schauer nach dem anderen über den Rücken. »Wie weit ist es noch?« Und wie lange versorgen uns unsere Lebenserhaltungssysteme? Aber diese Frage behielt er für sich. Bestimmt gab es einen Alarm, wenn sie umdrehen mussten.

Kadettin Khalil blieb plötzlich stehen. Sie schaltete ihre Handlampe ein und leuchtete auf die Wand. »Hier siehst du die ersten Spuren merkurianischer Tätigkeit.«

Guo Han ging näher. »Ab hier können wir also mit ihnen rechnen.«

Die Wand war uneben und rissig. Falls die Merkurianer hier gearbeitet hatten, hatten sie schlampig gearbeitet. Und wozu eigentlich? Dieser Tunnel war viel schmaler als die meisten anderen, durch die sie bisher gegangen waren.

Die Khalil machte eine Bewegung, die wohl als Achselzucken zu deuten war. Dann ging sie weiter, die Handlampe immer noch eingeschaltet. Aber nun leuchtete sie vorwiegend auf den Boden vor ihnen.

Der Weg stieg an und Guo Han hatte wieder Mühe, mit den jungen Frauen Schritt zu halten. Verfluchtes Knie!

Und noch immer hatte ihm niemand die Frage beantwortet, wann sie endlich auf Merkurianer treffen würden.

Er schnaufte zunehmend lauter, damit alle seine wachsende Ungeduld hören konnten.

Sandra packte ihn am Arm. »Professor, wird es dir zu viel?« Sie klang besorgt.

Hatte er sich gerade eine Blöße gegeben? Sein Gesicht begann vor Scham zu brennen. Wenigstens das verbarg das abgedunkelte Visier.

»Neinnein, es geht schon.« Aber er blieb trotzdem einen Moment stehen, um anschließend mit ruhigerem Atem weiterzugehen. Der Anstieg war nun auch zu Ende, sodass sie alle denken konnten, sein Geschnaufe zuvor habe sein natürliches Ende gefunden.

Bald darauf schaltete Kadettin Stellar ebenfalls ihre Handlampe ein und beleuchtete den Boden vor ihnen. »Das stammt von einem der kürzlichen Erdbeben.«

Der Boden war voller Geröll und sie mussten im Zickzack laufen, um an den großen Brocken vorbeizukommen.

Guo Han überlief eine Gänsehaut. Erdbeben waren häufig und kamen so unerwartet, dass der Forschungstrupp der Stellars praktisch verschüttet worden war. Er fragte besser nicht danach. Sie sollten nicht denken, dass er sich fürchtete. 

Aber plötzlich verengte sich die Welt vor ihm wie zu einer geschlossenen mathematischen Reihe. Sein Herz hämmerte hart gegen die Rippen. Die Fingerspitzen in seinen Handschuhen schienen auf einmal von einer Eisschicht umgeben.

Dann vernahm er über dem Lärm der eigenen Panik die Stimme der Kramer. Ein Ausruf der Freude.

Zuerst zählte Guo Han seine Atemzüge, dann murmelte er das Große Einmaleins vor sich hin. Die vertrauten Zahlen erweiterten Stück für Stück seinen Blick.

Der auf eine gedrungene Gestalt fiel, die keinen Raumanzug trug. Sie hatte ungewöhnlich lange Gliedmaßen und große Augen, die denen einer Katze glichen. Ihre Haut schien im Licht der Lampen zu schimmern. Guo Han blinzelte: Es war keine Haut, es waren farbige Schuppen. Die Kreatur hatte aber keinen Schwanz, wie es bei einem Drachen zu erwarten wäre.

Die drei Finger ihrer rechten Hand umschlossen eine gelbe Schachtel. Eines dieser sagenhaften Übersetzungsgeräte?

Sandra Kramer lief an Guo Han vorbei auf die Kreatur zu.

Sie streckte ihre Hände aus. »Du bist ein Merkurianer!« Na, wie genial. Die werte Kollegin hatte das Offensichtliche erkannt.

Sie packte die Kreatur an den Armen und zog sie an sich. Müsste sie als Exobiologin nicht wissen, wie missverständlich ihre Bewegung aufgenommen werde konnte? Selbst er wusste etwas von kultureller Differenz.

Hastig musterte er die Gestalt von oben bis unten. Keine Waffe, wie es schien. Selbst wenn sie das Gebahren der Kramer als Angriff verstanden hatte, waren sie nicht in Gefahr.

Die todbringende Enge in seiner Kehle verschwand.

Der Merkurianer machte etwas mit der gelben Schachtel. Dann brachte sie Worte hervor, während er selber melodiöse Töne von sich gab. So also funktionierte Übersetzung bei den Merkurianern.

Die Schachtel sprach mit der Stimme von Major Kamau. »Menschen, ihr dürft nicht hier sein. Das wisst ihr. Der Rat von Simora hat euch den Aufenthalt verboten. Und er misstraut euch mehr denn je.« Der Merkurianer hob die Hand mit der Schachtel zur Tunneldecke. »Was machen eure Schiffe in unserem Orbit?«

Kadettin Stellar räusperte sich, aber bevor sie zu Wort kam, sprach schon die Kramer. »Unsere Kadettinnen können dir diese Frage nicht beantworten. Sie haben nicht den Rang, an den Entscheidungen unserer ... unseres Rats ... teilzuhaben.«

»Sie haben euch hierher gebracht.« Kamaus Stimme war ein zorniges Grollen. Nie im Leben hatten die Merkurianer diesen Tonfall aufnehmen und klonen können. Kamau war nicht der Typ, der seinen Ärger zeigte.

Die Kramer nahm endlich ihre Hände von diesem Wesen. Unfassbar, dass es still gehalten hatte.

Guo Han atmete erleichtert auf. Es wurde Zeit, für Klarheit zu sorgen. Er hob beschwichtigend eine Hand. »Wir sind hier, weil wir von euch lernen wollen.«

Er meinte es ehrlich und der Merkurianer schien ihm zu glauben, denn seine Miene wurde eine Spur entspannter.

»Ich bin Guo Han, Leiter der Fakultät für Astrophysik an der Akademie der Wissenschaften und der Raumfahrt auf dem Mars.« Bestimmt hatten die Merkurianer in den fünf Jahren, die sie lauschten, verstanden, welche Bedeutung diese Position hatte. Er neigte seinen Kopf ein wenig. »Die werte Kollegin ist Sandra Kramer, unsere führende Exobiologin.«

Die gelbe Schachtel gab melodiöse Töne von sich. Es war ein anderer Klang als die Stimme dieses Wesens. Die Schachtel schien ein wenig eigenwillig zu sein. Hoffentlich war sie mit ihren Übersetzungen nicht ebenso eigenwillig.

Die Kramer zischte abfällig in seinem Kopfhörer. Was hatte sie denn? Es war doch alles korrekt, was er sagte.

»Ich bin Rel’van, Handelsherr aus Simora.«

Die Kramer sog scharf die Luft ein; offensichtlich sagte ihr der Name etwas. Aber ihn hatte wieder niemand informiert.

»So. Lernen nennt ihr das, wenn ihr unser Wissen stehlt.«

»Wir sind keine Diebe.« Die Khalil protestierte so laut, dass ihre Stimme von den Tunnelwänden widerhallte.

Rel’van ignorierte ihren Protest. »Und eure Schiffe da oben sind auch nur zum Lernen gekommen? Was wollt ihr von uns lernen, da wir nicht einmal Fluggeräte besitzen?«

Guo Han griff an den Verschluss seines Helms. Wenn diese Spezies hier atmen konnte, mussten sie doch auch ohne Geräte auskommen konnen.

Aber sein Verstand hielt ihn dann doch davon ab, den Helm abzusetzen, um seinen Kragen zu lockern. »Wir wollen von euch lernen«, er deutete auf Rel’vans Kopf, »wie wir in Umgebungen wie dieser hier ohne zusätzliche Lebenserhaltungssysteme überleben können.« Er legte ein Lächeln in seine Stimme. »Zum Fliegen brauchen wir euch tatsächlich nicht. Aber um während des Fliegens am Leben zu bleiben.«

Rel’van verschränkte seine langen, dünnen Arme. Sie waren so lang, dass sie bis auf seinen Rücken reichten.

Guo Han warf einen Blick auf die Kramer. Wie klassifizierte die Exobiologin diese Spezies, nun, da sie ein Exemplar leibhaftig vor sich hatte?

»Kehrt auf eure Raumstation zurück. Wir wollen euch hier nicht haben.« Rel’van streckte seine Hand nach Guo Han aus. »Und wir handeln auch nicht mit euch!«

Doch nicht alle Merkurianer dachten genauso: Die Berichte, die sie von der Orbitalstation bekommen hatten, waren unmissverständlich gewesen.

Aber vielleicht sollten sie Rel’van nicht widersprechen. Vielleicht war der andere Merkurianer, der mit der Raumstation Kontakt aufgenommen hatte, in dessen Augen ein Verräter.

Guo Han musterte die Kreatur noch einmal. Rel’van schien außer seiner Übersetzungsschachtel nichts bei sich zu tragen. Aber unter seinem fließenden Gewand konnte er durchaus eine Waffe verbergen.

Deshalb hob er beschwichtigend seine Hände. »Schon gut. Wir gehen wieder. Nur keine Aufregung.« Sie waren zwar in der Überzahl, aber er war der einzige Mann hier. Sie sollten dieses Wesen keinesfalls reizen.

Rel’vans Miene veränderte sich schlagartig. Bei einem Menschen hätte er den Ausdruck als Verblüffung gedeutet. Dann gab er ein Geräusch von sich, das seine Schachtel in einen Lachlaut verwandelte.

»Professor!«, zischte die Kramer. Sie klang erbost. »Du kapitulierst vor einem einzigen Merkurianer!«

»Rel’van macht sich wichtig.« Kadettin Khalil klang verächtlich. »Soweit wir wissen, hat er keinen großen Einfluss.«

In den Augen von Kadettin Stellar funkelte ein amüsiertes Licht. »Dass er nicht mit uns handeln will, liegt wohl daran, dass er recht erfolglos ist. Sagt Lir’na; sie ist die Tochter eines anderen Händlers in Simora.«

Guo Han rieb sein Kinn gegen den lästigen Kragen. Wenn sie jetzt hier verschwanden, konnte er gleich aus diesem unbequemen Outfit heraus.

Waren sie nicht schon viel zu lange hier unten geblieben?

»Professor, wir sind hier, um die Merkurianer besser kennenzulernen.« Die Kramer stemmte eine Hand in ihre Hüfte.

»Das haben wir gerade getan. Wir wissen jetzt etwas mehr über sie. Vor allem das Wichtigste: Sie sind nicht gefährlich!« Guo Han atmete langsam ein und aus. Sollten sie ihn doch für feige halten; er brauchte keine Abenteuer mit ungewissem Ausgang. 

»Wir gehen zurück.« Guo Han wies auf den Gang, in dem Rel’van gerade verschwunden war. »Hier ist niemand sonst, den wir kennenlernen könnten.« Er klopfte auf die unebene Wand. »Das sieht nicht so aus, als sei es durch Werkzeuggebrauch entstanden. Das war ein Erdbeben. Auch ein Grund, dass hier niemand spazierengeht.«

»Ich will in diese Stadt, die hier irgendwo in der Nähe sein muss!« Die Kramer schaltete ihre Handlampe ein, um mehr Licht für den von Steinen übersäten Boden zu haben. »Wir folgen diesem Rel’van; dann werden wir sie schon finden.«

»Auf keinen Fall!« Guo Han rückte seine Helmlampe zurecht. »Ich gehe zurück.«

»Das geht nicht!« Die Stellar klang erschrocken. »Unsere Protokolle verbieten, dass jemand alleine hier unten herumläuft.«

Die Khalil packte ihn am Arm. Die Kadettin hatte einen unglaublich harten Griff – den Griff einer trainierten Soldatin. Wenn er sich nicht vollends lächerlich machen wollte, durfte er sich nicht in einen Ringkampf mit ihr begeben.

»Nun ...« Guo Han begann, ihre Hand langsam abzustreifen. »Wie ich sagte, wir haben jetzt mehr Informationen.« Er war die Hand los. »Wir können dem Raumkommando berichten, dass die Merkurianer keine Gefahr bedeuten.« Allerdings war dieser Rel’van mächtig aggressiv aufgetreten, aber das konnten sie für sich behalten. Es waren schließlich nur Worte gewesen.

Die Kramer hob ihre Brust; gleich würde sie eine Tirade von sich geben.

»Sandra«, sagte die Stellar leise und unerwartet schüchtern. »Wir haben mit diesem Streit zu viel Zeit verloren. Wir müssen bald alle umdrehen.« Sie seufzte frustriert. »Es tut mir leid.«

»Mir auch.« Die Stimme der Kramer erstickte. Dann wurde sie wieder lauter. »Morgen kehren wir zurück. Wir haben noch Zeit, bis wir zum Mars zurückfliegen müssen.«

»Wozu?« Wenn sie noch einmal hierher kämen, dann hieße das, sie hätten heute nicht genug erfahren. »Werte Kollegin, willst du ein Exemplar dieser Spezies einfangen und unter deine Lupe legen?«

Die Kramer warf ihre Handlampe. Guo Han duckte sich im letzten Moment und die Lampe zerschellte an der Tunnelwand dicht über seinem Kopf. Etwas klapperte gegen seinen Helm.

Guo Han hielt schockiert die Luft an. Dann reckte er den Kopf. Den Gefallen tat er ihr nicht, dass er jetzt einen Streit anzettelte.

Kadettin Stellar trat gegen einen Felsbrocken, der vor ihren Füßen lag. Er rollte gegen einen zweiten und setzte den ebenfalls in Bewegung. Wie beim Billard. »Genau das ist ein Beispiel, warum die Merkurianer nichts mit uns zu tun haben wollen.«

Die Khalil kicherte. »Wir sind unzivilisiert.«

Die Kramer schnaufte laut; es klang nach unterdrücktem Lachen.

Offensichtlich scherte sich keine von ihnen darum, dass ihn diese Lampe beinahe umgebracht hätte. Wenn die Scherben nicht auf den Helm gefallen wären, sondern seinen Anzug zerrissen hätten!

Guo Han griff nach dem Schalter für seine Helmlampe. Aber nach dem dritten Klick leuchtete sie immer noch nicht. Er fluchte und schaltete die Handlampe ein. »Wo geht es ins Freie?«

Vorsichtig tat er einen Atemzug. Die Luft schmeckte noch genauso metallisch wie zuvor; der Schlauch von seiner Sauerstoffflasche war unbeschädigt.

Trotzdem hielt er dann sein Gesicht mit einem breiten Grinsen der glutroten Sonne entgegen, als er ins Freie trat.

Als das Shuttle vom Boden des Merkur abhob, riss er sich den Helm herunter und hielt ihn mit einem vorwurfsvollen Blick der Kramer vor die Nase. »Du hast Glück, dass es nur ein Kratzer ist. Andernfalls würde jetzt das Kriegsgericht auf dich warten.«

Von Rivera kam ein schockierter Laut; dann setzte er das Shuttle abrupt wieder auf dem Boden auf. Er entschuldigte sich mit einem verlegenen Lächeln, er sei gerade zerstreut gewesen.

Guo Han musterte ihn misstrauisch. Aber die Atmosphäre in der Kabine war so angespannt, dass jedes weitere Wort ungut gewesen wäre.


Vier Tage später füllte Guo Han wieder den Senatsraum der Mars-Akademie mit seiner Stimme. Die Übersetzungsschachtel der Quantenmechaniker lag vor ihm auf dem Redepult. Er hatte sie eingeschaltet und das Hologramm hinter ihm zeigte mit breiten farbigen Linien die Frequenzen, die die Schachtel während der Tage auf der Orbitalstation registriert hatte.

»Wir haben uns auf dem Merkur aufgehalten, solange unsere Raumanzüge das erlaubt haben.« Er warf einen Blick zu Sandra Kramer; sie saß mit verschränkten Armen und versteinerter Miene in der ersten Reihe. Dass er den Bericht lieferte und nicht sie als Exobiologin, war eine Entscheidung des Raumkommandos gewesen. Marcus Stern hatte nachgegeben, weil er für einmal den Militärs entgegenkommen musste.

»Wir können mit voller Überzeugung sagen, dass die Spezies, die wir auf dem Merkur angetroffen haben, uns zwar mit Ablehnung entgegengetreten ist, aber keine feindlichen Absichten hat.« Er griff nach seinem Zeigestock und begann, die bunten Linien auf dem Hologramm zu interpretieren. Bunt, das deutete er als lebensfroh und freundlich.

Unter dem Blick der Kramer begann er zu schwitzen. Als er sich einmal mehr dem Hologramm zuwenden konnte, griff er unauffällig unter seine Krawatte und öffnete den obersten Kragenknopf, den sie verdeckte.

Als er dann wieder zur Kramer sah, hatte sie eine Augenbraue hochgezogen. Aber sie konnte nichts sagen; an seinem sorgfältig formulierten Vortrag war kein Wort unwahr.

Niemand konnte ihm unterstellen, dass er die Menschheit in Gefahr brachte, indem er die Merkurianer verharmloste.

Admiralin Hawthorne nickte irgendwann während seines Vortrags, als habe er sie überzeugen können. Aber General Iljuschin ließ seine Schultern sinken; das Ergebnis der Expedition frustrierte ihn.

Der namenlose General, der ihn mit merkurianischen Weihnachtsliedern aufgezogen hatte, rieb sich den Nacken und murmelte etwas von »einsichtig«. Er griff zu seiner Tasse, stellte sie aber gleich wieder ab. Die unberührte Tasse war ein Zeichen dafür, dass er sich immer noch unwohl fühlte.

Guo Han atmete aus. Damit würden sie fertig werden. Sofern die Kramer ihm nicht mit ihrem eigenen Bericht in die Quere kam.

Senator Claus Friedman klopfte mit einem Knöchel auf den Tisch. Er leitete den Ausschuss, dem das Parlament großspurig die Zuständigkeit »für interstellare Beziehungen« zugeschrieben hatte, »Professor, wir danken dir für den ausführlichen Bericht. Und vor allem für deine Bewertung der Lage.«

Er sah Marcus Stern an. »Direktor, wir haben gerade feststellen können, dass unsere Entscheidung richtig war, der Akademie die Federführung für diese Mission anzuvertrauen.«

Admiralin Hawthorne funkelte erst den Senator, dann Stern an. »Euer Team hat nichts getan, was wir nicht genauso gut gemacht hätten.« Sie beugte sich vor. »Überdies waren es zwei unserer Kadettinnen, die die Forscher durch die Labyrinthe des Merkurs geleitet haben.«

Was fiel ihr ein, die beiden jungen Frauen für sich zu reklamieren?

Sandra Kramer grinste fröhlich. »Admiralin, die Kadettinnen sind Schülerinnen unserer Akademie. Damit haben die beiden die Qualität unserer Ausbildung unterstrichen.« Einmal in ihrem Leben sagte die Kramer tatsächlich in einem entscheidenden Moment etwas Richtiges.

»Wir wissen alle von der hohen Qualität unserer Akademie.« Friedman griff nach seinem Datenstift und begann, Text auf das große Hologramm zu werfen. Eine Beschlussvorlage. »Daraus sollten wir den Schluss ziehen, dass bei allen weiteren Erstkontakten mit fremden Intelligenzen unsere Akademie statt der Flotte die Federführung hat und die Entscheidungen trifft.«

»Die Raumflotte ist für die Sicherheit des Sonnensystems verantwortlich.« General Iljuschin erhob sich und begann, auf und ab zu gehen. »Meine Damen und Herren, ihr seid dafür verantwortlich, dass wir unsere Aufgabe ungehindert erfüllen können. Die Sicherheit der Menschheit hat Vorrang vor der Wissenschaft.«

Friedman verfolgte für einen Moment den tigernden General. »Fjodor Pawlowitsch, hast du den Eindruck, dass die Forscher unsere Sicherheit gefährdet haben? Unsere Geschwader waren ohne Zeitverlust auf dem Weg in ihre vorgesehenen Positionen.« Er blickte die Hawthorne an. »Oder nicht?«

Die Hawthorne presste die Lippen zusammen.

Der namenlose General lehnte sich mit der Tasse in der Hand zurück. »Das Schiff der Akademie ist unserer Flotte nicht in den Weg geraten.«

Damit war Friedmans Frage beantwortet.

Guo Han sah in Gedanken die Tastatur mit den Gebäckkrümeln vor sich. Er würde bei erster Gelegenheit Kekse für den General kaufen. Hier war Flexibilität gefordert; Tastaturen mussten in der Lage sein, ein paar Krümeln standzuhalten.

Friedman las seinen Antrag vom Hologramm ab; Stern erklärte, die Akademie sei in der Lage, diesen Auftrag zu übernehmen.

Guo Han lächelte Sandra Kramer zu. »Unsere Fakultät für Exobiologie wird von einer erstklassigen Wissenschaftlerin geleitet.« Sollte niemand sagen, er sei undankbar. Außerdem war die Kramer wirklich gut.

Friedman nickte der Hawthorne zu. »Wir sind in der Lage, beides miteinander zu vereinbaren.« Er ergänzte seinen Antrag mit dem Kompromissvorschlag, zivile Beobachter zwischen die Schiffe der Flotte zu positionieren. 

Daraufhin nahmen die anwesenden Mitglieder des Interplanetaren Parlaments den Antrag ohne weitere Diskussion an – das Militär war überstimmt. Die Vernunft hatte die Oberhand behalten.

Reichten die Abhöranlagen der Merkurianer eigentlich bis zu ihnen auf dem Mars? Major Kamau wusste das vermutlich.


Nach dem alten irdischen Kalender der westlichen Hemisphäre war der folgende Tag ein Adventssonntag. 

Über Wochen war die Akademie in Feierlaune. Und die Sonntage waren die Höhepunkte.

An den Wänden der Mensa hingen zahllose Adventskalender. Sie waren über Nacht aufgetaucht und alle taten so, als wüssten sie nicht, wie sie dorthin gelangt waren. Es war eine Tradition, die sich vor langer Zeit auf dem Mars durchgesetzt hatte. 

Marcus Stern stand vor einem dieser Kalender, dessen Türen mit Essbarem gefüllt waren. »Wir haben offensichtlich ein Sicherheitsproblem.« Aber er sah nicht besorgt aus, nur amüsiert.

»Wir sollten die Streifen erhöhen. Die dunkle Zeit ist immer besonders gefährlich.« Guo Han öffnete ein Türchen. Ihm fiel eine Karamelle entgegen, die in Cellophan verpackt war. Guo Han packte sie aus und biss hinein; die Karamelle klebte süß an seinen Zähnen.

Er ging zum nächsten Adventskalender und öffnete dort das entsprechende Türchen. Es enthielt einen Stern aus dunkler Schokolade; zu bitter für seinen Geschmack. Er blickte sich nach jemandem um, dem er den Stern andrehen konnte.

Zwei Tische entfernt saß der namenlose General, der sich durch seine Krümelei ausgezeichnet hatte. Er hatte einen Teller Gebäck vor sich, den er zu studieren schien. Vielleicht würde er statt der krümelnden Kekse lieber Schokolade essen.

Guo Han legte den Stern auf einen kleinen Teller und ging zu ihm. Er hielt ihm wortlos den Teller hin.

Der General sah ihn verdutzt an. »Für mich?« Als Guo Han nickte, griff er nach dem Stern. »Danke, Professor.«

»Er krümelt nicht.«

Der General erwiderte sein Grinsen. Das warme Kerzenlicht spiegelte sich in seinen Augen.

Sollte er ihn nach seinem Namen fragen? Besser nicht; der Mann könnte es als Beleidigung empfinden, dass er ihn immer noch nicht kannte.

Zurück an seinem Schreibtisch schloss Guo Han die Übersetzungsschachtel ein. Sie hatte ihren Zweck erfüllt; überdies funktionierten die Geräte der Merkurianer besser als diese.

Er öffnete die Informationen über das Raumkommando und blätterte durch die Liste der Mitglieder, bis er auf das Gesicht des Generals stieß. Pedro Obrerra: Er kommandierte die »Lima«. Er gehörte also zu jenen, die künftig den Anweisungen der Akademie folgen müssten. Diesem Kapitän war zu trauen, dass er es dann auch tatsächlich tat. 

Nachdenklich starrte Guo Han aus dem Fenster. In den Gärten der Akademie spannten die Kadetten die Lichterketten auf. Auch diese Lichterketten waren eine alte Tradition, die sie von der Erde übernommen hatten. Die Pflanzen in den hydroponischen Becken der Gewächshäuser antworteten auf das ungewohnte Licht und begannen zu leuchten. Sie tauchten den Mars in ein heimeliges Licht.

Dann klang leise Musik in sein Büro und lockte ihn hinaus. Auf dem schmalen Weg zum Zentrum der Festlichkeiten sorgten Ventilatoren dafür, dass es einen beständigen Luftzug gab, als ob ein leichter Wind wehte. Technisch überflüssig, schaffte er das Gefühl, in einer erdähnlichen Welt zu leben. Er ließ sogar die Adventskerzen entlang der Wege flackern; aber er löschte sie nicht aus. Perfekt.

Über ihm, zwischen den Sternen ferner Galaxien, kreisten die Planeten ihres eigenen Sonnensystems. 

Die Distanz zwischen dem Merkur und den Menschen war geschrumpft: Sie wussten jetzt mehr voneinander.

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