Merkur-Orbitalstation
Kaltes Metall presste sich in Sigurns Handfläche, während er am Eingang zu den hydroponischen Gärten der Merkur-Orbitalstation verharrte. Das Glas der Tür warf eine blasse Reflexion auf ihn zurück.
Ein aufgescheucht klingendes Knistern im Komm-Kopfhörer und ein scharfes, statisches Zirpen störte die Ruhe. Er klopfte zweimal auf die Empfangsspule und ließ dann den Arm sinken. Im Sichtfeld seiner Linse flackerte eine hartnäckige Fehlermeldung: Das Feld für die automatische Bestätigung der Schichtübergabe im Sektor Gamma blinkte leer. Wieder eine Lücke. Ein schmerzhafter Knoten bildete sich in seinem Nacken; diese ständigen Aussetzer im Stationsprotokoll waren inakzeptabel. Die Logistik der Wachwechsel erforderte absolute Präzision, ein fugenloses Ineinandergreifen aller Abläufe.
Auf dem elektromagnetischen Feld der Station kam ihm Aminah, einer der Kadettinnen, entgegen. Als gälte die künstliche Schwerkraft nicht für sie, glitt sie durch den engen Gang.
Das Knistern in seinem Ohr verstummte schlagartig. Die Anspannung in seinen Schultern fiel von ihm ab wie ein ungeliebter Mantel.
Ihre leicht getönte Haut schimmerte im Licht der Quecksilberdampflampen und gab ihr einen ätherischen Anblick. Etwas Lebendiges zog mit ihr in diesen sterilen Korridor ein.
Sie grüßte ihn mit einem Lächeln und ging an ihm vorbei in den Garten; er folgte ihr. Feuchte, klebrige Wärme schlug ihm entgegen. Der Geruch von nasser Erde und duftenden Apfelblüten schwebte in der Luft wie ein Versprechen.
Die sattgrünen Pflanzen bildeten eine Oase inmitten der sterilen Technologie. Ein stummer Trotz gegen die Kälte und die Gleichgültigkeit des Alls.
Er atmete tief durch und der Geruch von Zuhause erfüllte ihn.
Glatt geharkte Wege führten durch den Garten, in dem aromatische Kräuter und Gemüse dicht an dicht wuchsen. Die Pflanzen waren eine experimentelle Zucht der Mars-Akademie, aber durch seinen Kopf zog ein Bild von Olivenbäumen unter der irdischen Sonne. Heimat.
Eine scharfe Linie trennte die kalte Weite des Alls von dieser nostalgischen Erinnerung. Für einen Augenblick vertrieb sie die kalten Zahlen der Protokolle. Auf der einen Seite regierte der Verstand; auf der anderen wartete das Herz auf seine Gelegenheit.
»Findest du heute Zeit für ein wenig Gartenarbeit, Aminah?« Sigurn griff nach der Ranke einer Venus-Beere. Die Last der Schichtpläne und Frachtlisten fiel in diesem Moment von ihm ab; der schmerzhafte Knoten in seinem Nacken löste sich langsam. Er zupfte eine der tiefroten Früchte ab und sog ihren aromatischen Duft langsam ein. Die Beere war eine kleine, perfekte Kugel in seiner Handfläche; er hielt sie Aminah hin. »Der Geschmack des Mars, frisch geerntet.«
Aminah lachte und griff nach der Beere. Mit einem genüsslichen Grinsen steckte sie sie in den Mund. »Reif. Lecker.« Sie ging ein paar Schritte weiter, pflückte eine große Tomate und ein paar Basilikumblätter. »Für Essen bin ich immer zu haben.«
Sigurn nahm ihr ein Basilikumblatt ab und zerrieb es zwischen seinen Fingern. Der intensive Duft beschwor ein anderes Bild aus seinem Gedächtnis: mediterrane Märkte auf der Erde. Die Sonne. Laute Stimmen, die durcheinander sprachen. Das Klirren von Gläsern in einem Straßencafé. Das Lachen einer Frau, deren Gesicht er längst vergessen hatte.
»Damals auf der Erde habe ich viel Zeit am Mittelmeer verbracht.« Er richtete seinen Blick zur Decke des hydroponischen Gartens, als könne er durch die Wände hindurch in die Ferne schauen, durch die Jahre zurück. »Dort habe ich gelernt: Essen ist eine Sprache, erzählt Geschichten und offenbart sogar Liebe.«
Aminah neigte den Kopf. Ihr Lächeln verbreiterte sich; sie verkostete seine Worte. »Dann musst du unbedingt meine Eltern und ihr Restaurant kennenlernen, wenn wir wieder auf dem Mars sind. Aber vorher kreieren wir bei der nächsten Kochveranstaltung hier einen Mars-Mittelmeer-Mix.«
Die Vorstellung ließ seine Fingerspitzen kribbeln; er würde den Schneebesen höchstpersönlich schwingen. »Das wird ein Fest für alle Sinne. Wir sollten die Veranstaltung allerdings hier im Garten beginnen. Damit alle sehen, dass unsere Zutaten wachsen und nicht aus einem Labor stammen. Kein Ort im All gleicht diesem Garten.« Außer seinem Zuhause. Aber das hielt er besser zurück. Noch.
Sie schlenderten Seite an Seite über die schmalen Wege. Minze und provenzalische Kräuter umgaben sie. Sanfte Lichter, die das Gedeihen der Pflanzen sicherten, schwebten über ihnen. Ruhe. Ein privater Moment auf einer Station, in der der Alltag kollektiv organisiert wurde.
Sie begannen für die Kochveranstaltung zu planen: Rezepte, Zutaten. Ersatz für das, was hier nicht wuchs.
»Sag, Leutnant, wie passt eine Kochveranstaltung zu deiner militärischen Ausbildung? Kollidiert deine Teilnahme nicht mit deinen Verpflichtungen?« Aminah war neugierig. Aber das war das Vorrecht der Jugend.
»Ich habe gelernt, dass man die Regeln mit Herz und Verstand benutzen muss, um zu bestehen. Und manchmal muss man sie auch einfach vergessen – für einen Moment. Oder sogar brechen.« Er bog einen Ast voller Trauben herunter; nein, für die war es noch zu früh. »Ich habe lange zwischen Olivenbäumen und Sonnenuntergängen verbracht. Aber das war mir nicht genug. Die Sterne von einer nächtlichen Wiese aus zu betrachten, das war mir nicht genug. Darum habe ich mich für eine militärische Karriere entschieden, die mich den Sternen näher bringt.« Er schüttelte den Kopf. »Keine akademische Karriere. Der Wissenschaft konnte ich nichts abgewinnen. Damals, als ich mich entscheiden musste.« Heute wohl immer noch; aber das war keine Frage mehr.
Ein ferner, dumpfer Schlag erschütterte die Wände. Die Realität kehrte zurück, unbarmherzig wie der Wecker vor Schichtbeginn.
Aminah legte den Kopf schräg, »Weltraumschrott? Hier draußen?«
Sigurn blickte auf die Kontrollanzeigen an der nächsten Wand. Diese Technik gab es selbst hier im hydroponischen Garten. »Bloß irgendein Splitter. Ungefährlich. Du wirst dich bald daran gewöhnt haben.«
Dann sträubten sich seine Nackenhaare in einem kalten Luftzug. Ein Schatten verdunkelte das helle Licht des Gartens. Nicht irgendein Schatten. Major Chidike Kamau, der Leiter des Datenzentrums der Orbitalstation, stand am Eingang. Die goldene Litze der Stations-Kommandantur glänzte im Quecksilberdampflicht, hell und aufdringlich. Als Informatiker kannte er jedes Protokoll auswendig, hielt wohl auch deswegen jedes Gefühl für eine Störung. Trotzdem war er hoch angesehen, denn in Krisen arbeitete er wie ein Besessener, bis die Protokolle wieder funktionierten.
Kamau kam näher. Die Blicke, die er Aminah und ihm zuwarf, waren wie ein Scanner auf der Suche nach Abweichungen. Ein Schatten verdunkelte Kamaus Miene für einen Augenblick. Was fiel dem Mann ein?
»Leutnant Norske.« Kamaus Stimme war höflich, aber seine Miene missbilligend. »Ihr redet von einer ›Kochveranstaltung‹. Ungeplante Versammlungen widersprechen den aktuell geltenden Sicherheits-Protokollen der Stationsleitung. Solange die Unruhen am äußeren Ring nicht beendet sind, bleiben wir in erhöhter Alarmbereitschaft.« Er machte eine Pause, die lauter war als Worte.
Kamau musterte Aminah; inspizierte er etwa ihre Uniform? Sein Blick blieb auf einem Blatt liegen, das an ihrem rechten Ärmel hing. Seine zusammengepressten Lippen sagten mehr als eine Standpauke.
»Major, wir planen eine Übung zur Verbesserung der ›Ernährungspsychologie zur Aufrechterhaltung der Moral‹ der Kadetten.« Sigurn schickte ein Lächeln in Aminahs Richtung. »Kadettin Khalil hat die Erfahrung, sie zu leiten.«
Aminah errötete.
Kamau zog eine Augenbraue hoch, die andernorts vermutlich ganze Bataillone zum Schweigen bringen konnte. »Ich sehe Basilikum, Leutnant. Ich sehe keine Elemente von Ernährungspsychologie. Wir brauchen in dieser kritischen Phase keinen ›Mars-Mittelmeer-Mix‹. Der Aufwand dafür widerspricht den Effizienzrichtlinien. Für die Veranstaltung gibt es keinen Platz in unserem Zeitplan.« Kamau drehte sich abrupt um, eine militärische Kehrtwende aus der Zeit der irdischen Landarmeen. Seine nächsten Worte richtete er an die Tür. »Bis zum nächsten Wachwechsel erwarte ich eine schriftliche Bestätigung über die Einstellung dieses ... kulinarischen Experiments.« Das Wort »Experiment« klang wie ein Schimpfwort. Als ob nicht ihre gesamte Anwesenheit hier oben ein Experiment wäre.
Sigurn stieß die Luft aus. Ein metallischer Geschmack füllte plötzlich seinen Mund; er fuhr sich mit der Zunge über die blutende Lippe.
Die Herausforderung stand. Die erste Runde ging an Kamau, aber der Kampf war noch nicht vorbei.
Das Licht im hydroponischen Garten schien wieder heller, als Aminah nach seiner Hand griff.
Er stand mit Aminah in einem engen, verglasten Besprechungsraum in der Nähe des Navigationszentrums. Draußen flimmerte der Merkur in glühenden, rot-orangen Wolken. Er beleuchtete die metallischen Wände des Raumes mit seinen feurigen Tönen, als blute der Planet selbst.
»Er hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht.« Aminah gab sich keine Mühe, ihren Zorn zu zügeln. Sie strich über eine Rille im Tisch, vor und zurück, ein nervöser Tick. »Kamau erfindet Probleme. Er findet die Idee eines ›Fests für die Sinne‹ unprofessionell. Er findet uns unprofessionell.« Sie biss sich auf die Unterlippe.
»Gib nicht so schnell auf.« Sigurn legte seine Finger auf ihre nervöse Hand. »Wenn du erst länger hier auf der Station bist, wirst du sehen, dass es keinen Grund gibt, die Flinte ins Korn zu werfen.« Sein Blick folgte dem roten Streifen, der sich wie geschmolzenes Metall über das Glas ergoss. »Kamau ist eigentlich ein guter Kerl; er wendet nur die Regeln an. Das ist keine Bosheit – das ist Glaubenssache. Nur deshalb will er unser Fest scheitern sehen. Er ist skeptisch gegenüber banalen menschlichen Regungen, weil er selbst vergessen hat, wie es sich anfühlt.«
»Er ist eifersüchtig auf unsere Nähe. Auf die Art, wie wir uns verstehen. Ein Mann der reinen Zahlen und Protokolle.« Sie ballte ihre Fäuste.
Aminah besaß Instinkt; sie war nicht nur Navigatorin.
Sigurn deutete hinunter zum Merkur. »Wir brauchen Regeln hier draußen. Aber wie ich dir sagte: Man muss sie mit Herz und Verstand benutzen. Kamau kann Protokolle zitieren, bis er schwarz wird. Er kontrolliert die Protokolle. Aber das Bedürfnis der Crew nach Zusammenhalt und menschlicher Wärme kontrolliert er nicht. Wir liefern ihm, was er verlangt: Eine Demonstration in Ernährungspsychologie, die in seinen Richtlinien Platz findet.«
Und die Crew würde begeistert sein.
»Wie?«
»Wir taufen das Event um. Es wird kein ›Mars-Mittelmeer-Mix‹. Es wird der ›Ernährungspsychologische Advents-Stresstest (EPAS) – mit mindestens drei Unterprotokollen und einer Anlage, die keiner lesen wird. Das Kochen dient als ›aktive Stressbewältigungsmethode unter Zeitdruck‹. Der Geruch der Aromen wird zur ›Optimierung des Wohlbefindens‹ analysiert. Wir essen zur ›Effizienzsteigerung durch verbesserte Nährstoffaufnahme‹. Ich begründe das Ganze als ›Präventive sensorische Verteidigungsmaßnahme‹. Damit unterstütze ich seine eigenen Richtlinien zur Effizienz. Ich schreibe das Protokoll jetzt gleich. Kamau kann das nicht ablehnen.«
Er rieb sich die Hände, die begonnen hatten zu kribbeln. Es war das gute, aufgeregte Kribbeln vor einem Sieg. Er brach die Regeln, indem er sie übererfüllte. Seine Kunst. Seine kleine, subversive Meisterschaft.
Aminahs Augen schimmerten vor Aufregung, ein Leuchten, das den ganzen Raum wärmte. »Die Küche von Mars und Erde soll also die Moral retten?« Aminah lächelte – dieses Lächeln, das ihre Augen funkeln ließ.
»Der Geschmack der Heimat rettet Seelen, Kadettin. Marsianer oder nicht.« Sigurn sah sie an, aber sein Blick war auf eine innere Sonne gerichtet. Basilikum-Erinnerungen zogen ihn zurück zur Erde, und er ließ sie gewähren. »Auf der Erde habe ich manchmal unter Olivenbäumen gesessen. Stundenlang. Egal, wie das Wetter war; wenn es nur nicht regnete. Der Geruch der Erde, das Salz des Meeres – das war die reinste Sprache. Die Liebe eines Ortes, eines Gerichts. Das alles fehlt hier draußen. Wir ersetzen das nicht mit Essen aus einem Protein-Konverter. Das schmeckt nach nichts. Nach absolut nichts.« Sigurn rieb sich mit dem rechten Fuß über den linken. Eine spontane, ungeschickte Bewegung, mit der er seine Balance riskierte.
Aminah richtete ihre Aufmerksamkeit auf seine Füße. So kurz seine Bewegung auch gewesen war, sie war ihr nicht entgangen. Nichts entging ihr.
»Du hast immer die Kontrolle, nicht wahr?« Aminah schmunzelte. »Aber ich habe gehört, du wirst manchmal bei all dem Druck auch unsicher – besonders wenn es um Umkleiden geht.«
Eine verräterische Hitze kroch seinen Hals empor und staute sich pochend in seinen Ohrläppchen. Verdammt. Doch die Verlegenheit löste sich in einem vollen Lachen, das seinen ganzen Körper mitnahm. Sein Fuß zuckte unwillkürlich. Das jahrelang gehütete Geheimnis war plötzlich unwichtig. An seine Stelle trat eine unerwartete, schwindelerregende Leichtigkeit.
»Ein kleiner persönlicher Makel – ein sechster Zeh am linken Fuß. Ein Andenken an eine genetische Laune, die niemand bestellt hat. Mein Können hat der Zeh nie beeinträchtigt, aber in manchen Situationen in der Flotte ist er komplett unnütz. Und Stiefel einlaufen ist die Hölle, kann ich dir sagen. Absolute Hölle.« Es lag eine seltsame Freiheit darin, darüber zu reden.
Aminah lachte herzlich, ein helles, ungeschütztes Lachen, das von den Wänden widerhallte. »Wenigstens bist du wirklich einzigartig. Ich versuche es zu sein, indem ich überall meine Alraune als Glücksbringer mitnehme.«
Sie holte einen kleinen Topf aus der Tasche, behutsam, wie einen Schatz. Als sie ihn öffnete, stieg der süßlich-erdige Geruch der fleischigen hellbraunen Wurzel in seine Nase.
»Dann sind wir das perfekte Duo. Mit einzigartigen Merkmalen und Glück überlebt man alles, sogar interstellare Krisen. Und wenn nicht, dann geht man wenigstens mit Stil unter.«
Sie verbrachten den Nachmittag mit dem Ernten der Kräuter. Die Düfte von Thymian, Salbei und Minze füllten den Raum, hängten sich in die Kleider und in die Haare. Sigurn diktierte das EPAS-Protokoll – absurde Sätze über »Alpha-Wellen-Stimulation durch olfaktorische Reizüberflutung« und »kognitive Leistungssteigerung unter gastronomischen Bedingungen«. Aminah sammelte die provenzalischen Zutaten und erzählte dabei von ihrem Ziel, die beste Navigatorin zu werden. Neue Welten sollten sich ihr öffnen. Ihre Begeisterung war wie ein Blick in einen jüngeren Spiegel.
Ein Glockenton drang in den hydroponischen Garten – hell und ungewohnt feierlich. Ein Computer produzierte dieses Signal. Einem alten irdischen Kalender folgend läutete es den zweiten Adventssonntag ein. In der Kommandozentrale wurde jetzt ein künstlicher Tannenbaum erleuchtet; in den Gängen wurden Weihnachtslichter eingeschaltet.
Als sie die Stationsküche mit ihrer Ernte betraten, waren auch dort die Adventsdekorationen aufgehängt. Der Geruch von Spekulatius, Zimt und anderen exotischen Gewürzen hing in der Luft; ein Hauch von Heimat. Die Festvorbereitungen füllten ihre harte Welt mit Wärme, milderten die Kanten durch Weihnachtsstimmung.
Sigurn blieb in der Schleuse stehen und sah sich um.
Die Töpfe dampften. In den Gesichtern stand ein Lachen. Das EPAS-Event funktionierte. Es funktionierte tatsächlich. Das Fest hatte begonnen.
Aminah hatte aus den anderen Kadetten eine kleine Gourmet-Armee unter ihrem Kommando formiert. Sie gaben ihr Bestes, den provenzalischen Saucen-Mix fehlerfrei zuzubereiten – wobei »fehlerfrei« ein dehnbarer Begriff war. Aminah navigierte mühelos durch die engen Küchenzeilen; der Herd war ihr Steuerpult.
Sigurn nahm eine Schüssel Sauce, die ein Kadett vorbereitet hatte, und roch daran. Sie bestand im Wesentlichen aus Olivenöl und Tomaten. Gewürzt mit Oregano und einem Hauch Thymian. Perfekt.
Er kostete mit geschlossenen Augen. Der Geschmack spiegelte die Sprache der Erde, flüsterte von sonnigen Hügeln und langen Abenden.
»Falls ich jemals auf einem einsamen Mond landen soll«, er hob die Schüssel wie eine Monstranz vor sich, »dann nur mit einem Teller so guten Essens.« Er schnupperte demonstrativ. »Mit diesem hier sogar ohne Fallschirm.«
Aminah lachte so sehr, dass sie sich an der Theke festhalten musste. »Das wird dein Untergang, Leutnant!«
Eine dunkle Präsenz legte sich über die heitere Szene. Wieder dieser Schatten.
Von der Tür kam ein kalter Luftzug, noch ehe er Kamau sah. Ein eisiger Hauch schnitt durch die Wärme der Küche und die Härchen auf Sigurns Unterarmen richteten sich auf – eine Warnung des Körpers, noch bevor der Verstand begriff.
Major Kamau stand an der Schwelle, die Arme verschränkt. Sein Blick scannte den Raum, auf der Suche nach einem Verstoß.
»Leutnant Norske. Ist das der Ernährungspsychologische Advents-Stresstest?« Kamaus Stimme war hart wie eine alte Gesteinsprobe. Er klang überrascht. »Die Geruchsintensität überschreitet die zugelassenen Grenzwerte für biologische Kontamination, wie sie in Protokoll 4.2.3 festgelegt sind.« Auf dem Datenpad, das er Sigurn vor die Nase hielt, blinkte ein roter Messwert.
Sigurn stellte die dampfende Schüssel ab und sah von dem Datenpad zu Kamaus Gesicht.
»Major, wir befinden uns im Modus der aktiven Stressreduktion.« Er sprach jetzt nicht als Koch. Er sprach als Offizier. »Die hohe Geruchsintensität stimuliert die Alpha-Wellen der Kadetten, ein notwendiger Nebeneffekt. Die Kontamination bleibt dabei unter 0,01 Prozent – innerhalb der Toleranz. Das entspricht dem Protokoll. Wir befolgen es mit Herz und Verstand. Die Kadetten lächeln, Major. Lächeln ist ein Indikator für erhöhte kognitive Leistungsfähigkeit. So steht es in Deiner Richtlinie 7.4, Absatz C.«
Aminah grinste wie ein Honigkuchenpferd. In den Gesichtern der Crew lag zwar vor allem angespannte Konzentration, doch die Bemerkungen, die durch die Küche geflogen waren, hatten regelmäßig für Heiterkeit gesorgt.
Kamau erstarrte. Er blinzelte, während sein Blick von einem zum anderen ging; er suchte nach einer Lücke in Sigurns Argumenten. Aber die blinkende Zahl auf seinem Datenpad erlosch.
Kamau presste seine Lippen zu einer schmalen, weißen Linie zusammen. Dann drehte er sich um und verließ den Raum, ohne ein weiteres Wort, ohne einen Gruß. Das Geräusch seiner Schritte verhallte im Korridor.
Die Adventslichter brannten heller als zuvor. Ein Aufatmen schien durch den Raum zu gehen. Dann kicherte einer der Techniker; eine Kadettin imitierte Kamaus finstere Miene. Die Kochkünstler bewegten sich mit größerem Eifer und nahmen einander mit Gelächter die Zutaten aus der Hand.
Das Herz hatte für diesmal über die militärische Strenge gesiegt. Die provenzalische Sauce, der Mars-Mittelmeer-Mix, schmeckte nach Triumph. Nach Salz, nach Tomaten, nach einem Erfolg, den niemand in die Akten schreiben würde.
Später funkelte die Sternenschar über der Orbitalstation, so kalt und klar wie immer. Sigurn und Aminah standen zusammen am künstlichen Fenster. Der glühende Merkur war unter ihnen in die Weite des Alls abgetaucht, verschluckt von der Schwärze.
Sie roch nach Basilikum und nach etwas Süßem – nach dem Abend, nach dem Sieg. Eine vertraute Melodie kam aus dem Lautsprecher hinter ihnen. Sigurn schloss seine Hand langsam um die von Aminah. Sie passte hinein. Genau richtig.
»Wir sollten uns öfter finden.« Er flüsterte, aber sie hörte es natürlich.
Aminahs Pupillen weiteten sich; sie hielt seinen Blick fest: ein kleines, stummes Ja. Wärme, breitete sich in seiner Brust aus; ein Licht war entflammt. Das Gefühl schob ihn näher zu ihr. Sie schmeckte nach Salz und Wein; es war der Geschmack von Hoffnung, eine Neuheit hier oben, in dieser kalten Hülle aus Metall und Glas. Er schien realer als der mittlerweile unsichtbare Merkur.
Was wollten sie hier, solange es auf der Erde Olivenbäume gab? Er wollte eine Zukunft, die nicht in Protokollen geplant wurde, sondern in seinen eigenen Händen lag.
Er drückte Aminahs Finger. Diese Verbindung war real und näher als alle Sterne da draußen.
Die Adventsglocken hier oben auf der Orbitalstation waren nur die Imitation aus einem Computer. Aber in seinen Ohren spielten sie eine Melodie, die er nie mehr vergessen würde. Er blickte auf die Sterne, dann auf Aminahs Gesicht im Licht der Station.
Ein neues Morgen. Es begann jetzt.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen