An Bord des Raumschiffs Nova-3
Aminah Khalil strich mit ihren Fingerspitzen über die angeraute Oberfläche der Steuerkonsole. Das dünne Material ihres T-Shirts dehnte sich über den Schultern, als sie sich vorbeugte – sie hatte seit letzter Woche schon wieder zugenommen. Sie spannte die Muskeln in ihren Unterarmen an, bereit für jede noch so kleine Korrektur. Sie murmelte die Zahlen vor sich hin, die vor ihr über den Monitor wirbelten. Zahlen waren der Anker ihrer Welt, ihr Kosmos: Datenmuster, Koordinaten, Wahrscheinlichkeiten, Verschiebungen. Sie brachten die Klarheit, die das Unbekannte zähmte.
An einem Tag wie diesem war es von größter Bedeutung: Die Nova-3, das ungewohnt kleine, aber erstaunlich vielseitige Forschungsschiff, schwebte langsam auf das unbekannter Asteroidenfeld zu.
In der Enge eines Spezialschiffs wurde jeder Handgriff zu einer bewussten Aktion. Keine Zeit für Unachtsamkeit. Keine Sekunde für Zweifel.
»0,473 Grad Neigung, leichte Turbulenzen im Abschnitt Beta.« Aminah verzichtete für ihre Ansage auf das Mikrofon, denn die Pilotin, Adeline Stellar, saß direkt neben ihr.
Adeline lenkte das Schiff mit sparsamen Bewegungen, die Hände entspannt auf den Kontrollen. Sie blickte wachsam zwischen den Instrumenten und der Weite vor ihnen hin und her.
Die Wände der kleinen Kabine präsentierten links und rechts ein Sammelsurium an geologischen Geräten und Analyse-Instrumenten. Auf diesem Flug würden sie vermutlich wenig davon brauchen.
In der Halterung neben ihrem Sitz steckte ein hermetisch verschlossener Topf mit ihrer Alraune – ein kleiner, grüner Lebensspender von der Marskolonie. Der süßlich-erdige Duft der Pflanze bedeutete ein Stück Zuhause, verfügbar an jedem Ort im All.
Die Schwerkraft presste Aminah in ihren Sitz; die Nova-3 taugte mehr für Erdbewohner als die Menschen des Mars. Auch die Temperatur entsprach mehr den irdischen Gepflogenheiten; sie fuhr sich mit dem Handrücken über die erhitzte Stirn.
»Wir nähern uns dem Asteroidenfeld.« Adeline musterte sie einen Augenblick lang besorgt. »Ist alles in Ordnung?«
Aminah wiederholte die Koordinaten, die sie Adeline ein paar Minuten vorher gegeben hatte. »Keine Änderung nötig.« Der Panoramaschirm, der das gesamte Sichtfeld um sie herum füllte, zeigte das Feld trotz der Dunkelheit: Unregelmäßige, kolossale Felsen, die merkwürdig kippelig im Raum hingen, verrieten unentschlossene Gravitation. Große Brocken änderten unvermittelt ihre Umlaufbahn und Staubschleier wirkten wie verzerrte Geister.
»Bereit für den Tanz?« Adeline warf ihr einen Blick zu; dieses Mal lag Übermut darin.
Aminah lächelte; ihr Herz schlug schneller. Navigieren blieb Kunst und Wissenschaft zugleich. Gerade dieses Dunkle, dieses unerforschte Feld, forderte alle Fähigkeiten heraus. »Klar, solange du nicht erwartest, dass ich die Sterne tanzen lasse.«
Adeline zwinkerte knapp. »Aber ich tanze besser, wenn deine Zahlen stimmen.«
Aminah vermaß sorgfältig die Positionen der einzelnen Brocken, analysierte die Bewegungen. Sie murmelte die Zahlenketten vor sich hin.
»Was machst du jetzt schon wieder?« Adeline klang genervt.
Sie blickte vom Display hoch. »Ich zähle die Rotation des größten Felsens. Zeit zwischen zwei Umdrehungen: drei Stunden, zwölf Minuten und vierzehn Sekunden.« Die Instrumente registrierten ein leichtes, stetiges Schwanken im Magnetfeld. »Reichlich unentschlossen, was die Gravitation angeht.«
Die Konsole piepte. Bauer, der Supervisor von der Mars-Akademie, war in der Leitung. »Kadettinnen, großes Lob für die Daten. Die Flotte hat grünes Licht für die Erweiterung der Analyse bekommen. Wir bereiten jetzt die nächste Präsentation vor.«
Adeline grinste. »Na bitte! Wir haben sie alle beeindruckt! Aminah, du bist für mich die Bestie im Zahlenwald.«
Aminah schob die Brille hoch. Ihre Augen brannten von der Anstrengung, ständig auf die Monitore zu starren. »Und du bist die Königin des Steuerrads, die uns sicher durch jede Kurve bringt.«
»Du bist aus der Zeit gefallen.« Adeline hob ihre Hände von der Steuerung. »Hier gibt es keine Räder mehr.«
Trotz allem Humor blieb das Gewicht der Mission. Eine geologische Erkundung in einem unerforschten Sektor barg unzählige verborgene Gefahren. Unbekannte Strahlen, die ihre Geräte überlasteten; Staubstürme – eine feindliche Umgebung, die jederzeit zuschlagen konnte.
Aminah murmelte ihre Zahlen, kalibrierte Anzeigen, korrigierte marginale Abweichungen der Messinstrumente. Große Maschinen schenkten ihr Gehör. Rohe Daten sangen in der Bildsprache des Universums.
»Pass auf, gleich fliegen wir durch diese Wolke aus metallischem Staub.« Ihre Warnung kam Sekunden, bevor der Staub mit einem dumpfen Zischen gegen den Rumpf schlug.
»Danke, Navi-Königin.« Adeline zündete eine Steuerrakete. »Ich trau dir doch mein Leben an.«
Das dumpfe Zischen des Staubs verstummte, als die Nova-3 in das Herz der Wolke eintauchte. Aminah hielt den Atem an. Plötzlich registrierte der Hauptsensor einen scharfen, unnatürlichen Anstieg der Stärke des Magnetfelds. Der Fels, den sie gerade umflogen, kollabierte.
»Exponentielles Schwanken im Magnetfeld!« Aminahs Stimme klang überlaut in der Stille des Cockpits. »Adeline, noch dreißig Sekunden, bevor der Kernfusionsofen wegen Sicherheitsabschaltung fünf Prozent Energie verliert.«
Adelines Augen weiteten sich; sie griff nach einem Schalter und drehte ihn gegen den Uhrzeigersinn. Das Schiff wich scharf von seinem Kurs ab. Die Trägheitsdämpfer stöhnten. Ein metallisches Kreischen kam von irgendwoher aus ihren Lebenserhaltungssystemen.
»Ich kriege den Kurs nicht mehr korrigiert, Aminah, die Steuerung antwortet nur noch mit Verzögerung!« Adeline presste die Lippen zusammen. Sie versuchte, das Schiff mit schnellen, kurzen Impulsen zu stabilisieren, doch die Nova-3 schlingerte weiter.
Auch die Felsen des Asteroidenfeldes rotierten unkontrolliert. Der Panoramaschirm zeigte einen Sturm. Die Navigationsdaten auf ihrem Display wurden plötzlich unsichtbar, überlagert von statischem Rauschen. Die klare Linie, auf der sie navigierten, verschwamm.
Waren sie verloren?
Das Cockpit verschwand. Sie war wieder sieben Jahre alt, in den labyrinthischen Gängen der Marskolonie. Aminah tastete mit ihren kleinen Händen über rauen, kalten Stein. Die Luft war staubig und still. Aus der Ferne kam ein Ruf – ihr Name? –, aber er kam aus allen Richtungen, verzerrt und wie ein Echo. Sie schwebte und das Gefühl absoluter Orientierungslosigkeit presste ihr die Luft aus der Lunge. Seit der Kindheit in den Labyrinthen der Marskolonie lauerte der Schatten des Verlorenseins auf sie. Die ermutigenden Zahlenketten in ihrem Kopf lösten sich in Chaos auf. Ihre Finger froren auf der Tastatur fest.
»Aminah! Wo sind deine Zahlen? Was machen wir?« Adeline klang panisch. Es war wie ein akustischer Stoß, der sie mit einem heftigen Ruck ins Cockpit zurückzerrte.
Aminah blickte auf den Monitor, der vom weiße Rauschen erfüllt war. Ein Asteroid näherte sich, füllte das gesamte Panoramafenster. Zehn Sekunden bis zur Kollision. Ihr Herz hämmerte. Das verlorene Kind war vor Angst erstarrt.
Sie holte Luft. »Die Daten sind weg! Ich muss die Berechnung intuitiv neu starten!« Eine riskante, intuitive Berechnung musste her, die gegen jede ihrer Regeln verstieß.
Sie öffnete den Behälter mit der Alraune. Ihr Anker. Der süßliche, erdige Duft brachte einen Hauch von Zuhause, von der Stabilität des Marsbodens.
Adeline nahm die Hände von der Steuerung. Für einen Moment übergab sie das Raumschiff an die automatischen Notfallprotokolle, die sie gleich wieder überschreiben würden.
Sie klopfte auf den Behälter der Alraune an Aminahs Seite. Deine Zahlen sind wirklicher als diese Feldstörung. Du bist die beste Navigatorin der Akademie. Du schaffst das!«
Diese Berührung, der Duft der Alraune, Adelines Vertrauen. Der Bann brach. Ein Adrenalinstoß vertrieb die Angst. Adeline vertraute ihr in einem Moment, in dem ihr Leben von Aminahs Zahlen abhing.
Aminah schloss die Augen und lauschte dem Schiff. Der Trägheitsdämpfer stöhnte, während er versuchte, die Kursabweichung zu korrigieren. Ein tiefer, kaum hörbarer Ton lief durch die Struktur der Nova-3 – ein Schwingungsmuster, das zu den verzerrten Daten passte. Es drang in die Fingerspitzen, die sie auf die Konsole gelegt hatte; zog durch ihre Rippen; ließ den Sitz unter ihr schwingen.
Das rohe Geräusch der Schiffsphysik. Und dann war es ganz klar: Mit einer Vektoränderung von nur 0,001 Grad würden sie die kritische Zone verlassen. Das Nachlassen eines bestimmten, schrillen Obertons bestätigte ihre Rechnung.
Sie flog mit ihren Fingern über die manuelle Steuereingabe. Sie tippte, sie tanzte – jede Berührung ein Impuls, der aus ihren Fingerspitzen in das Herz des Schiffs floss. Intuitiv gab sie die Sequenz ein, die sie aus diesem Chaos führte. Eine direkte geometrische Korrektur, ohne die übliche Absicherung.
Die Nova-3 ruckelte einmal heftig. Ein Knistern durchzog das Cockpit.
Dann Stille.
Die Vibration in ihren Rippen verebbte. Der schrille Ton aus der Struktur des Schiffs verwandelte sich in einen tiefen gleichmäßigen Puls – der Herzschlag der Nova-3, der wieder mit ihrem eigenen verschmolz.
Der Asteroid rauschte an ihnen vorbei. Ein Schatten, der die Kabine füllte und dann verschwand. Das Navigationsdisplay flimmerte kurz und zeigte dann wieder die Zahlen, die sie brauchten. Grüne Zahlen.
»Kurs korrigiert. 0,001 Grad Vektoränderung. Ich habe die Systeme wieder stabilisiert.« Aminah atmete aus; ihre Lungen funktionierten wieder.
Adeline nahm ihren Blick von den Anzeigen. Ihre Augen blitzten voller Anerkennung. »Du hast das Schiff gefühlt, Navi-Königin. Das war kein Zahlenwerk. Das war Kunst.«
Aminah wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Das T-Shirt klebte an ihrem Rücken. »Nennen wir es eine intuitive Korrelation basierend auf subvisuellen Datenmustern.« Die Worte fühlten sich richtig an, ein altmodisches Schutzschild gegen das, was gerade passiert war. Sie hatte das Kind aus der Dunkelheit befreit.
Der Druck in ihrer Brust ließ nach; die Nova-3 hielt ihren Kurs. Die Schwankungen im Magnetfeld wurden geringer. Es hatte nur Sekunden gefehlt, bis sich der Kernfusionsofen abgeschaltet hätte.
»Wir haben es geschafft, aber die Sensoren für den Sektor Gamma zeigen eine beispiellose Dichte an Biopolymeren.« Aminah krächzte – der Nachklang des Adrenalins. »Die massive Feldstörung hat Mikroorganismen freigesetzt, die tief im Gestein eingeschlossen waren. Ohne diese Störung wäre uns das entgangen.«
Adeline lockerte den Griff um die Steuereinheit und lehnte sich mit einem Grinsen zurück, wieder ganz die Königin des Steuerrads. »Manchmal muss man die Protokolle ignorieren, um die Daten zu kriegen.« Sie schaltete den Autopiloten ein und streckte sich. »Aber das heißt, dass du jetzt jedes Mal eine Panne provozieren musst, nur damit ich dir beim Heldinnenspiel zusehen kann, klar? Ich bin froh, dass du dich für die Kunst entschieden hast statt für die Abschaltung.«
Der Rest der Mission verlief in beruhigender Routine, wenngleich die Daten alles andere als gewöhnlich waren. Was die geologischen Geräte an Informationen lieferten, übertraf jede Erwartung.
Nach stundenlanger Arbeit ging Aminah zur Mittagspause in die Mini-Küche. Sie bereitete eine Spezialität aus dem Restaurant ihrer Eltern zu: eine gefüllte Brotschnecke mit exotischen Gewürzen von Erde und einem lilafarbenen Kraut, das in feuchten Senken des Marsbodens wuchs. Die Gerüche von Zimt, Piment und eine leichte mineralische Note füllten die enge Kabine.
Adeline schwang mit ihrem Sitz herum. Ihre Augen weiteten sich, während sie tief die würzige Luft einsog. »Aminah. Hör zu.« Adeline blickte sie finster an, aber ihre Augen funkelten amüsiert. »Nachdem wir heute fast zu Sternenstaub zermahlen wurden, habe ich beschlossen: Das Leben ist zu kurz für kulinarische Geheimnisse. Wenn du mir jetzt nicht verrätst, was da so himmlisch riecht, weigere ich mich morgen, bei der Präsentation deine Hologramme zu steuern. Wofür entscheidest du dich?«
Aminah lachte und schob Adeline einen Teller hin. »Zimt, Piment, Mars-Quinoa und ein Hauch von meiner Alraunen-Erde. Streng geheim. Aber wenn du petzt, navigiere ich dich beim nächsten Mal direkt in den größten Felsen.«
»Ich werde schweigen.« Adeline biss genüsslich von der Brotschnecke ab.
Aminah lachte; Heiterkeit vertrieb den letzten Rest der Anspannung im Schiff. Gut gewürztes Essen blieb das beste Heilmittel gegen das Chaos des Alls.
Am nächsten Tag präsentierten sie ihre Daten vor der Führung des Interplanetaren Raumkommandos und der Mars-Akademie. Aminah zeigte auf den Hologrammen Gravitationseffekteund Magnetfelder. Und die Messungen der Biopolymere. Adeline pilotierte die Steuerung der Hologramme.
»Trotz der kritischen Magnetfeldschwankungen konnten wir eine Probe vom Asteroiden entnehmen.« Aminah schloss ihr Tablet. »Wir haben Hinweise auf Mikroorganismen gefunden, die in der harschen Umgebung überleben. Das eröffnet praktische Anwendungen für die Terraforming-Projekte auf dem Mars.«
Marcus Stern, der Leiter der Mars-Akademie klatschte zwei Mal in die Hände. »Kadettinnen, ihr habt eure Abschlussprüfung so gut wie bestanden.«
Selbst Admiralin Victoria Hawthorne fand daraufhin zwei Worte der Anerkennung. Natürlich durfte Stern ihr nicht den Rang ablaufen.
Als der Tag sich dem Ende neigte, saß Aminah in dem Schaukelstuhl, den sie aus ihrem Zimmer zuhause in ihr Quartier in der Akademie geschmuggelt hatte. Sie nahm die Alraune aus ihrem Behälter. In den Achseln der langen Blätter zeigten sich die ersten Knospen. Die Pflanze, der in alter Zeit geheimnisvolle Kräfte zugeschrieben worden waren, hatte sie mit ihrem penetranten Duft im entscheidenden Moment aus ihrer Panik gerettet.
Sie flüsterte: »Du und Adeline – ihr seid mein Anker. Danke, dass du mich beschützt hast.«

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