Freitag, 12. Dezember 2025

12. Dezember 3528: Die Frequenz der Einheit




Merkur:Die unteridische Stadt Simora und die Raumstation der Menschen im Orbit 


Lir’na ging durch die leuchtenden, gewundenen Gänge von Simora. Die organischen Wände um sie herum wechselten ihre Farben in einem beschwingten Rhythmus. Die Stadt begrüßte ihre Anwesenheit mit fröhlichem Orange und feurigem Rot. Der Klang ihrer Schritte bestimmte den Takt der Farbwechsel.

Lir'nas schuppige Haut zitterte trotzdem in feinen Schwingungen. Die Bemühungen von Simora reichten nicht, um sie zu beruhigen, während Worte, Stimmungen und Gedanken durch ihr Gewebe pulsierten. Ihre Frequenz schwankte an diesem Tag, veränderte sich unstet und rau. Ein zähes, metallisches Pochen flutete durch ihre Leiterbahnen, eine immer wieder stockende Strömung. Niemals zuvor hatte jemand so jung wie sie so viel Verantwortung gehabt.

Die Stadt hatte eine Meinung zu allem
und teilte sie über die Wände ihren Bewohnern mit. Viele Merkurianer glaubten, sie spiegelten ihre Emotionen. Aber es war viel mehr: Die Stadt kommentierte und nahm Einfluss auf ihre Entscheidungen. Simora und ihre Bewohner waren eine Einheit, die die Stadt regierte.

Lir’na strich mit ihren drei schillernden Fingern über die glatte Oberfläche eines holografischen Panels, das organisch aus der atmenden Wand herausragte. Ein leises, fragendes Summen lief von der Oberfläche in ihre Fingerspitzen. Sensordaten des Mercurius-Systems zogen an ihnen entlang. Es gab nichts Auffälliges. Nur das leise Kratzen einer vertrauten Routine.

Lir’na richtete ihre Schwingungen an Vex’tor und Tor’ven, die beiden Freunde, die hinter ihr gingen. Ihre großen senkrechten Augen glizerten im Schein der Quecksilberadern in den Wänden.

Dann erreichten sie die Tunnel des Labyrinths um Simora herum. Ihr Ziel war jener Bereich am Äquator, in den sich die Stadt noch nicht ausgebreitet hatte. Hier kühlte die Umgebung mit jedem Schritt weiter ab.

Je mehr sie sich vom Zentrum entfernten, desto mehr zeigten die Labyrinthe Anzeichen von Verfall. Seit der Handel mit Valora zusammengebrochen war, wurden sie nicht mehr benötigt.

Lir’nas schuppige Haut vibrierte, als Simora sich mit einem Hauch verabschiedete, der in ihre Poren drang. Die sanfte Frequenz der pulsierenden Wand war die pure Harmonie.

Die Gänge des Labyrinths mündeten schließlich in eine breite, kalte Halle aus Fels und Quecksilber.

So weit war die Stadt noch nicht gewachsen. Ein Lied war mitten im Refrain abgebrochen worden.

Hier sprachen die Wände nicht mehr mit ihr. Diese Stille signalisierte die Abwesenheit von Leben. Ihre Schritte brachen sich als Echos in einem leeren Raum.

Lir’nas Schuppen stellten sich auf, um sie vor der Kälte zu schützen. Zusammen mit Vex’tor und Tor’ven schuf sie eine Einheit, die der Unwirtlichkeit des Ortes trotzte.

Plötzlich vibrierte der Boden in einem tiefen, metallischen Bass. Kaz’lar, einer der Rettungsexperten von Simora, hatte diese fremdartige Vibration beschrieben: Ein Fluggerät der Menschen war am Landen. Ein »Shuttle«. Ihre Übersetzungsschachtel hatte sie mit dem Begriff der Menschen vertraut gemacht, da es in ihrer eigenen Sprache kein Wort dafür gab.

Lir’na füllte die Luft mit einem kurzen, etwas dissonanten Intervall: »Fühlt ihr das auch?«

Die beiden nickten. Vex’tor sandte seine Antwort in einer Frequenz, die ihre eigene Unruhe spiegelte.

Auf den kommenden Stunden lag enormes Gewicht. Indem sie die Einladung den Menschen angenommen hatten, hatten sie sich auf ein Abenteuer eingelassen, das ihre Vorstellungskraft überstieg. Indem sie auf eine neue Zukunft mit dem Fremden über ihnen setzten, gingen sie gleichzeitig das große Risiko ein, das immer aus dem Unbekannten entstand.

Bei dem Gedanken stockte der Fluss der Frequenz in Lir’nas Brust und ballte sich zu einem glühenden, pulsierenden Knoten. Aber nun waren sie hier. Vex’tor schien ihr Zaudern zu spüren, denn er schwang ermutigend seiner Arme über den Kopf.

Gerade, als sie das Labyrinth verließen und die Oberfläche des Merkurs erreichten, öffnete sich die Schleuse des Shuttles mit einem zischenden Geräusch: der Druckausgleich, von dem ihre Kommunikatoren die Menschen hatten sprechen hören. Es klang wie das Schrillen eines falsch gestimmten Instruments.

Drei Gestalten in glänzenden Schutzanzügen stiegen aus. Die Anzüge blockierten alles, was an Schwingungen von den Menschen ausging, ein dichter, undurchdringlicher Vorhang zwischen ihnen und ihrer Umgebung. Der Geruch von Ozon und Metall waberte Lir’na entgegen, die anorganische Signatur der menschlichen Technologie.

Am Horizont schimmerte die Terminator-Linie des kommenden Tages. Vor ihnen gab es nur das grellweiße Licht, das vom Shuttle kam. Aber es reichte, um den steinigen Boden zu erhellen.

Langsam gingen sie den Menschen entgegen.

Einer von ihnen hob eine Hand und lud sie mit einer Bewegung in den Shuttle. Als Lir’na nach der Seitenkante der offenen Schleuse griff, um einzusteigen, packte der Mensch sie am Arm. Erschrocken wich sie zurück, aber er zog sie hinein.

Er hatte ihr nur helfen wollen: Im Shuttle herrschte eine Schwerkraft so viel größer als auf dem Merkur selbst, dass sie regelrecht zu Boden gedrückt wurde. Nur der Griff des Menschen hielt sie aufrecht.

Tor’ven und Vex’tor stiegen gleichermaßen mit Hilfe der Menschen in das Gefährt. 

Die Wand war an der Innenseite zwischen den blanken Flächen voller Befestigungsriemen. Diese Konstruktion erinnerte an ihre eigenen Transport-Plattformen, mit denen sie Waren nach Valora transportiert hatten.

Vex’tor griff nach einem der Riemen und hielt sich daran fest. »Offensichtlich haben sie uns erwartet.« Er grinste Tor’ven an.

Natürlich hatten die Menschen sie erwartet; sie hatten sie doch eingeladen. Aber diese Vorrichtungen hingen hier schon länger. Lir’na zeigte ihm einen Riemen, der deutlich abgenutzt war. 

Was war das überhaupt für ein seltsames Material? Organisch irgendwie, aber trotzdem ohne Leben. Lir’nas suchende Gefühle fanden keinen Widerhall. Bei den Menschen konnte Technik anscheinend ohne Leben existieren – wie seltsam. 

Das mechanische Brummen des Antriebs drang durch den Boden in ihre Füße, sodass ihre Zehenspitzen in einer gleichförmigen Frequenz vibrierten. Es war ein monotoner Singsang, dem jede Bedeutung fehlte.

Keine fünf Minuten an Bord dieses Schiffs und schon fehlte Simoras Präsenz. Vielleicht war es doch nicht so erstrebenswert, durchs All zu reisen.

Ein Ruck fuhr durch den Rumpf des Shuttles. Die Schwerkraft des Merkurs lag im Widerstreit mit der brutalen Beschleunigung. Beide Kräfte zerrten gleichzeitig an ihr und wollten sie in Stücke reißen.

Aber dann schien das Shuttle zu schweben und es wurde still um sie herum: Der Antrieb war verstummt.

Das Fenster neben Lir’na gewährte ihr zum ersten Mal in ihrem Leben einen Blick auf die graubraune Oberfläche des Merkurs, dessen Anblick schnell schrumpfte. So also sah ihre Heimat aus.

Dann startete der Antrieb wieder und das Shuttle dockte an der Raumstation der Menschen an. Ein neuer, dieses Mal sanfter, Ruck und die Luke öffnete sich.

Vor ihnen lag ein langer Gang mit bläulich schimmernden Wänden. Über ihnen hingen weiße Lichter, die alles gleichmäßig ausleuchteten.

Lir’na machte einen Schritt in diesen Gang und es war, als hinge ein Gewicht an ihrem Fuß. Und ein anderes lag auf ihren Schultern. Mühsam machte sie den nächsten Schritt; mühsam tat sie den nächsten Atemzug. 

In der Schule hatte sie von der unterschiedlichen Schwerkraft der Planeten gelernt, aber so hatte sie sich das nicht vorgestellt.

Rechts an der Wand gab es eine Halterung, die wohl aus Metall war. Jedenfalls sah sie solide aus. Bevor sie den nächsten Schritt machte, griff sie danach. Sie umschloss das Ding mit all der Kraft, zu der sie fähig war. Ihre Muskeln waren deutlich schwächer als die der Menschen. Die Fachleute, die die verirrten Menschen untersucht hatten, hatten die Unterschiede ausgemessen und erklärt, dass das an der unterschiedlichen Schwerkraft läge.

Mit diesem Halt fiel ihr der nächste Schritt etwas leichter. Sie blickte sich nach Vex’tor und Tor’ven um. Beide sahen besorgt aus; wahrscheinlich fürchteten sie, dass sie hier nicht weit laufen konnten. Sie hatten vermutlich recht.

Aber sie wurde keinesfalls darum bitten, dass die Menschen sie zurück zum Merkur brachten. Nun war sie hier. Nun wollte sie alles sehen.

Die Luft hatte einen fremden, unbestimmbaren Geruch, irgendwie organisch, überraschend in der technischen Atmosphäre der Orbitalstation. Vielleicht rochen die Menschen so. Diese Atmosphäre war jedenfalls nicht so kalt und eindeutig wie eine stochastische Formel.

Aber diese Luft mit ihrem interessanten Geruch lastete wie ein Brocken Magma auf ihrer Lunge und machte das Atmen schwer. Unwillkürlich schnappte sie immer wieder mit offenem Mund nach Luft.

Die Orbitalstation war voller fröhlicher Lichter. Aber in ihr schlug ein künstlicher Puls, eine Maschine, die nie schlafen durfte, denn sie hielt die Menschen am Leben. Aus den Gesprächen, die ihre Kommunikatoren seit Jahren belauschten, hatten sie erfahren, dass diese Lebenserhaltungssysteme fragil waren, schon mehr als einmal vom Zusammenbruch bedroht. Warum taten die Menschen sich das an? 

Die jungen Kadettinnen der Mars-Raumfahrtakademie, die sie auf dem Stadtplatz von Simora getroffen hatten, erwarteten sie: Adeline und Aminah standen neben einer Art Durchgang und verfolgten ihre Bewegungen mit einem Ausdruck auf ihren Gesichtern, der sie ... besorgt? ... wirken ließ. Oder überrascht?

Lir’na öffnete die Tasche an ihrer Seite und schaltete ihre grüne Übersetzungsschachtel ein. Die Schachtel summte leise und gleichmäßig, während sie auf Töne zum Interpretieren wartete. Eine Symphonie, gesungen von einer Metalldose.

»Es tut mir Leid.« Die Übersetzungsschachtel sprach mit Son’tirs Stimme. Die Worte, die sie übersetzte, waren von Adeline gekommen; deren Miene hatte sich dabei weiter verändert.

Ohne ihre Helme lieferten ihnen die Gesichter der Menschen mehr Informationen als die bloßen Worte vermittelten. Wenn der alte Rel’van sie so sehen könnte, würde er sie gewiss nicht mehr ablehnen. Die Menschen waren doch freundlich!

Aminah ging zu einem holografischen Tisch, der das Solar-System und die nächsten Galaxien zeigte. Sie bewegte sich so schwungvoll, dass in Vex’tors Augen der blanke Neid aufblitzte.

Was wollten sie ihnen zeigen?

Aminah versenkte eine Hand in ihrer Kleidung und nahm eine dunkle metallische Form heraus. Adeline nahm sie ihr ab und hielt sie über das Hologramm.

Das Bild auf dem Hologramm veränderte sich. Die eine Hälfte, die die beiden äußersten Planeten ihrer Galaxie zeigte, wurde größer und größer. Dann wurde auch Alpha Centauri größer.

Nahe dem Pluto gab es einen kleinen, blinkenden Punkt. Das hieß wohl, die Menschen dachten, das Ding, das sich ihrem Sonnensystem näherte, würde von Alpha Centauri kommen.

Ein leises, knirschendes Geräusch erklang. Immer diese Schachtel. Was sollte das heißen? 

Adeline lehnte sich über den Tisch. »Wie fühlt sich das an, sich zwischen unseren Wänden zu bewegen, Lir’na? Euer Körperbau ist so ... grazil. Auf Merkur muss man nicht schwer tragen, richtig?« Wie kam sie jetzt auf dieses Thema? Die Menschen hatten eine merkwürdige Art, sich zu unterhalten: etwas wirr, unerfindliche Abschweifungen. Als ob sie ständig zerstreut wären.

Die Übersetzungsschachtel benutzte jetzt Nel’ras Stimme, die so ganz anders war als der scharfe, helle Klang von Adeline.

Tor’ven kicherte und Vex’tor schnitt eine Grimasse. Als ob sie noch nie gehört hätten, dass diese dummen Schachteln ihre Übersetzungen in den Stimmen der Merkurianer wiedergaben. Und sich dabei völlig willkürlich für irgendeine Stimme entschieden.

Lir’na funkelte die beiden an. »Was ist an meiner Mutter so witzig? Sie ist schließlich für die gesamte Kommunikation zuständig.«

Vex’tor legte zwei Finger an ihre Wange. »Wir amüsieren uns über deine Schachtel, das ist alles.«

Von Aminah kam ein Geräusch, das die Schachtel ignorierte. Dann sprach sie. »Was habt ihr gerade gesagt? Kann uns eure Schachtel das nicht übersetzen?«

Lir’na winkte ab. »Das war nicht wichtig.« Mit einer Antwort auf Adelines Frage konnte sie hoffentlich ganz davon ablenken. »Ihr wart doch bei uns. Mit der geringen Schwerkraft ist unser Alltag natürlich viel leichter. Aber unsere Arbeiter haben sehr wohl anstrengende Tätigkeiten. Doch die Stadt hilft uns, so viel sie kann.«

Tor’ven kicherte schon wieder. »So viel sie will, meinst du wohl.« Er tippte auf Lir’nas Schachtel. »Gib das bitte weiter: Simora trifft ihre eigenen Entscheidungen. Nicht immer ganz verständlich.«

Die Schachtel übersetzte – oder vielleicht auch nicht, denn die beiden Kadettinnen sahen plötzlich sehr ratlos aus.

Dann verschwand die Ratlosigkeit jedoch aus Aminahs Miene. »Ich glaube, das habe ich begriffen. Eure Stadt teilt euer Leben.«

»Teilt?« Lir’na blinzelte überrascht. Aminah gab sich Mühe, sich in ihre Welt hineinzudenken, aber sie war nicht sehr erfolgreich. All die tote Materie um sie herum, das setzte ihrer Vorstellungskraft Grenzen.

Lir’nas Schachtel gab ein kratzendes Geräusch von sich. Ein subtiler Kommentar, der von Simora selbst stammen konnte. Sie reagierte damit auf irgendeine Dissonanz zwischen Aminahs Worten und ihren Gefühlen.

Aminah lehnte sich gegen eine Konsole, an der jemand gerade die Bildschirmfarben abdunkelte. Die Sterne verschwanden. Der Mann starrte noch einen Moment darauf, dann sah er Tor’ven an. »Wie könnt ihr in unserer Sauerstoff-Atmosphäre eigentlich atmen? Habt ihr eine Technologie, die wir in die umgekehrte Richtung nutzen könnten, um uns unsererseits auf dem Merkur einfacher zu bewegen?« Noch eine zerstreute Frage.

Eine Technologie? Die Menschen verstanden wirklich nicht, wie Simora funktionierte. Das allerdings war ihnen nicht vorzuwerfen. Selbst Vex’tor wunderte sich immer wieder über die Stadt. Eigentlich verstand nur Nel’ra, was Lir’na und Simora miteinander verband.

»Das kann ich nicht sagen.« Tor’ven zog die Schultern hoch. »Und manche Dinge können wir nicht erklären. Ich fürchte, es liegt nicht nur an den begrenzten Fähigkeiten unserer Übersetzungsschachteln, dass wir keine passenden Worte finden.« Aber die Schachtel kannte inzwischen die Denkweise der Menschen; vielleicht fiel ihr etwas Brauchbares ein. »Wir brauchen jedenfalls keine künstlichen Hilfen, denn die Stadt und wir funktionieren als Einheit.«

»Funktionieren als Einheit?« Aminah zog eine Augenbraue hoch. »Das klingt anstrengend. Wir Menschen streiten uns ständig.«

Ja, das hatte Nel’ra ihr auch schon erzählt. Die Menschen waren eine merkwürdige Spezies. »Streit und Misstrauen würden uns vernichten. Die Stadt bewahrt uns davor, denn sie transportiert das kollektive Gedächtnis der Merkurianer.«

Neben dem Nachhall des großen Quecksilbererdbebens vor drei Generationen prägte vor allem die Erzählung von Valoras Verrat das kollektive Gedächtnis; wie alte Narben, die bei jeder Veränderung wieder zu pochen begannen. 

Adeline schnaufte. »Streit hat auch seine guten Seiten. Er zwingt zum Denken. Oft entsteht der Fortschritt gerade aus dem Chaos.« Sie grinste. »Vielleicht können wir deshalb durchs All fliegen.«

Fliegen!

Was, falls das tatsächlich möglich wäre, wenn ihre Gesellschaft anders funktionieren würde?

Aber nein! Wie viel zu Schaden kam, wenn sie sich uneins waren, hatte das Zerwürfnis mit Valora gezeigt.

Die Schachtel reagierte mit einer Übersetzung auf Lir’nas Gemurmel. Über die Gesichter der beiden Kadettinnen lief eine Mimik, die wohl eine Mischung aus Verwirrung und Belustigung war. Was hatte diese Schachtel jetzt schon wieder gesagt?

»Wir sehen das etwas anders.« Vex’tor klang auch amüsiert. Er klopfte auf die Seitenwand der Schachtel. »Chaos ist für uns wie ein Lied ohne Takte. Aber vielleicht ... kann man trotzdem dazu tanzen.«

»Ihr tanzt?« Aminah legte den Kopf schräg. Dann nickte sie. »Ja natürlich. Eure Musiksäulen. Ja, die haben wir gesehen. Und gehört.«

»Gibt es nicht einmal Streit zwischen euch und den Erwachsenen, wenn ihr über Musik redet?« Adeline drückte einen Schalter und ein tiefes melodisches Hämmern erklang. »Dies ist eine Musik, die meine Eltern unerträglich finden.« Sie drückte einen anderen Schalter. Die Töne, die daraufhin erklangen, schienen in der Luft zu schweben. Warm und hoch, versprachen sie Sicherheit und ein Gefühl von Gemeinschaft.

Adeline verzog ihr Gesicht. »Das ist uralte Musik aus der Zeit vor der großen Katastrophe auf der Erde. Diese Musik hören meine Eltern ständig.«

Aminah lächelte. »Ist doch auch hübsch, oder?«

»Aber eine Illusion!« Adeline klang erbost; sie schaltete die Musik wieder aus. »Sie schafft das trügerische Gefühl einer heilen Welt. Ich bin sicher, das hat zu Leichtsinn und damit zur Katastrophe beigetragen.«

Eine Musik zum Schweben. »Die ist zum Tanzen, oder?« Vex’tor machte probeweise drei Schritte. Der Rhythmus passte, aber elegant sahen sie nicht aus. Doch auf dem Merkur würden sie gut wirken.

Er streckte seinen Arm nach Lir’na aus, aber sie wich zurück. Bei dieser Schwerkraft war es viel zu mühselig, sich mehr zu bewegen als unbedingt nötig.

»Eine Katastrophe?« Tor’ven tippte auf Lir’nas Schachtel. »Hast du das richtig übersetzt?«

Die Übersetzungsschachtel reagierte mit einem zornigen Wortschwall; anders als Simora war sie unempfänglich für Humor.

Lir’na besänftigte sie schnell. »Eine Katastrophe hat es auch auf dem Merkur gegeben. Ein Erdbeben, das enorme Fluten von Quecksilber freigesetzt hat. Mehrere Städte sind davon verschlungen worden. Aber Simora ist schnell genug in der Lage gewesen, Barrieren gegen die Flut zu errichten. Das Quecksilber hat sich letztlich in einem See gesammelt, den ich von unserer Terrasse aus sehe.« 

Plötzlich vibrierte eines der Terminals. Ein flackerndes rotes Licht erhellte die Oberfläche. Lir’na presste unwillkürlich ihre Hand auf die Stirn: In Simora wurde auf diese Weise eine Gefahr angekündigt.

Ihre Nackenschuppen stellten sich auf.

Adeline und Aminah begannen, hektisch Schalter und Hebel zu betätigen. Der Mann am Monitor, der nach ihrer Technologie gefragt hatte, fuhr die Helligkeit auf seinem Bildschirm wieder hoch. Zwischen den Sternen im Kuipergürtel blinkte etwas sehr hell, das dort eigentlich nicht hingehörte.

Schließlich blickte Adeline von ihren Schaltern auf. Ihr Lächeln wirkte merkwürdig starr. Als ob es künstlich wäre, mechanisch. Ähnelten die Menschen so sehr ihrer Technologie?

»Eine Nachricht. Da draußen am Rande der Galaxie ist etwas aufgetaucht. Etwas sucht Kontakt und sendet Signale.«

Andere Menschen liefen hastig durch den Raum von einem Gerät zum anderen. Aus den lächelnden Gesichtern wurden verbissene Mienen. Diese Menschen waren besorgt.

Lir’na studierte die Monitore der Reihe nach. Zwei zeigten diesen funkelnden Lichtpunkt, ein dritter eine Leuchtspur, die wohl die Bahn dieses Dings nachzeichnete.

Simora langte mit einem schwachen, aber unverkennbaren Flimmern nach ihr. Die Stadt hatte eine Warnung für sie. Eine Warnung wovor?

Tor’ven sah verblüfft auf die hektischen Menschen um sie herum. Kein Merkurianer würde jemals so unkontrolliert reagieren, erst recht nicht im Angesicht großer Gefahr. Gefahr bewältigte man nur mit Ruhe und Nachdenken, nicht mit Herumgerenne.

Ein weiblicher Mensch kam zu ihnen, die obere Hälfte des Gesichts in viele Falten gelegt. Sie war deutlich älter als die Kadettinnen.

Als sie ihre beiden Hände ausstreckte; erreichte sie mit der rechten Vex’tors Arm. Mit einer ungeschickten Bewegung wich er zurück. Er stieß an einen der elektronischen Tische und das Glas, das darauf stand, klirrte laut.

Aber sie ließ ihn nicht los; ihr Griff schien im Gegenteil fester zu werden.

Die Schuppen auf Lir’nas Rücken begann zu vibrieren. Was wollten die Menschen von ihnen?

Die Frau glätterte die Falten in ihrem Gesicht; sie hob ihre Mundwinkel. »Ich bin die Kommandantin dieser Station, Zara Novak.« Sie wies auf den Monitor mit der Leuchtspur. »Ihr könntet uns helfen.« Wieder bewegte sie eine Hand. Eine kreisende Bewegung dieses Mal, die damit endete, dass einer ihrer fünf Finger auf die grüne Übersetzungsschachtel zeigte. »Ihr habt bessere Möglichkeiten als wir, mit diesem Objekt in Kontakt zu treten.«

Meinte sie die Schachtel? Aber die Übersetzungsschachteln hatten Jahre gebraucht, um die Menschen zumindest ansatzweise zu verstehen. Wie sollten sie da jetzt mit diesem fremden Ding reden? Sie waren keine Wundermaschinen.

Aber diese Kommandantin hatte Vex’tor fest im Griff. Er brauchte ihre Hilfe. »Wir können es versuchen.«

Tor’ven blinzelte; ihr Angebot überraschte ihn. Aber die wirkliche Magie lag nicht in den Schachteln. Doch durften sie den Menschen preisgeben, wozu Simora in der Lage war? Vielleicht war es schon schlimm genug, dass sie überhaupt von der Existenz der Stadt erfahren hatten.

»Wir müssen reagieren.« Die Kommandantin ließ Vex’tor los und hielt Lir’nas Blick fest. »Doch zuerst will ich verstehen, was es mit diesem Objekt auf sich hat.«

Verstehen. Aber die Übersetzungsschachteln verstanden nur Worte; selten den verborgenen Sinn dahinter. Das konnte nur Simora.

»Lir’na!« Adelines Bewegung zu dem Monitor mit der Leuchtspur wirkte drängend, geradezu ungeduldig.»Wir brauchen die Hilfe von Simora. Ich habe gesehen, wie sich eure Wände wandeln. Ich bin sicher, dass das Reaktionen sind, keine Zufälle. Eure Stadt will nicht bloß hübsch aussehen; sie kommuniziert.« 

Mit jedem Wort von Adeline wurden Vex’tors Schuppen blasser. Und Tor’ven sah auch entsetzt aus. Die Menschen – oder zumindest die, die in Simora gewesen waren – hatten mehr begriffen als sie geahnt hatten.

»Was meinst du damit?« Vex’tor löste sich mit einem Ruck aus dem Griff der Kommandantin. Sie ließ ihn gehen.

Adeline tauschte einen Blick mit Aminah. »Wir vermuten, dass Simora Frequenzen erfasst, die unsere Systeme nur als Rauschen sehen.«

Simora analysierte das Ding sowieso – jede Frequenz, jede Bewegung, jede noch so kleine Änderung in seinen Signalen. Aber Simora konnte nichts anderes tun als Wissen anzuhäufen. Sollte dieses Ding gefährlich sein, würde der Merkur vielleicht die Waffen der Menschen brauchen.

Vielleicht war es nicht nur sinnlos, sondern auch unklug, den Menschen Simoras Hilfe zu verweigern.

An Zusammenarbeit zu denken, fühlte sich an, als sei es der Weg zu einer neuen Einheit.

Minuten vergingen. Das fremde Ding näherte sich weiter.

Auf den Monitoren tanzten Lichter in vielen Farben. Sie hüllten die Decke der Station in schimmernden Glanz. Aus zwei Lautsprechern erklangen rhythmische Töne, die den neuesten Melodien der Musiksäulen auf dem Stadtplatz überraschend ähnlich waren.

Das waren keine Waffensignaturen, Die Lichtsignale waren ein kosmischer Tanz, der einer Sprache glich.

»Es ist ... eine Kommunikation.« Aminah ging zu einem Terminal. Mit flinken Fingern machte sie die Töne lauter, dann wurden sie eine Oktave höher. Die konnte sie ändern? »Die Frequenzen haben ein Muster. Es besteht aus Wiederholungen und Schleifen.«

Konnten sie den Menschen vertrauen und ihnen die Daten von Simora überlassen? Wenn sie sich falsch entschied – wer weiß, welche Folgen das für sie alle hätte.

Zara Novak sah sie hoffnungsvoll an; sie schien zu versuchen, in ihr Gehirn zu schauen. Konnten die Menschen Gedanken sehen?

»Niemand von uns versteht die Stadt besser als du.« Vex’tor legte seinen Arm um Lir’na, langte nach der Übersetzungsschachtel und schaltete sie aus. »Kannst du Simora spüren?«

Lir’na nickte.

Der Blick der Kommandantin wurde zu einer Frage. Sie sagte etwas, aber die Schachtel war ausgeschaltet und konnte nicht reagieren.

»Dann folge dem, was die Stadt dir mitteilt.« Vex’tor drückte ihre Schulter. »Wenn die Stadt einverstanden ist, begehen wir keinen Verrat.«

Lir’na lauschte Simoras Signalen; dann versuchte sie durchzuatmen. So gut es eben ging mit dem Brocken, der auf ihrer Lunge lag.

Sie schaltete ihre Übersetzungsschachtel wieder ein. Simora hatte sich für Zusammenarbeit entschieden. Vielleicht konnten die Menschen Freunde werden.

Die Menschen warteten.

Lir’na richtete ihre Hände auf das holografische Feld vor sich. Für einen Augenblick wurde die Oberfläche in diffuses Licht getaucht. Dann entstanden pulsierende farbige Streifen, die langsam von rechts nach links über das Hologramm rollten. Innerhalb kürzester Zeit begann ein warmes Rot zu überwiegen. Simora hatte gute Laune und das fremde Ding war für sie kein Grund zur Sorge. Nicht mehr.

»Was bedeutet das?« Die Kommandantin klang erstaunt.

»Es sind Gefühle: unterschiedliche Farben – unterschiedliche Gefühle.« Tor’ven tippte mit der ganzen Hand auf die Oberfläche. »Und die Bewegungen kommen von Simora, nicht von Merkur.«

Das allerdings war falsch. Der Planet besaß die Magie, die sie alle am Leben hielt. Auch Simora selber; sie benutzte die Magie nur. Aber das wusste Tor’ven nicht. Nicht einmal Mutter verstand vollständig, wie Simora zu ihren Entscheidungen kam und warum sie manche Informationen weitergab und andere für sich behielt.

»Simora ist keine Übersetzungsmaschine wie unsere Schachteln. Wir sind nicht einmal sicher, ob die Stadt Worte erfassen kann.« Natürlich konnte sie das. Aber das zumindest brauchte sie den Menschen nicht preiszugeben; sie konnten ihr Ziel trotzdem erreichen. »Wir verstehen die Bedeutung der Farben.«

Adeline lachte auf. »Das habe ich auch begriffen, dass diese Farben etwas mit der Launen eurer Stadt zu tun haben. Rot ist gut, oder nicht?« 

Lir’na nickte. »Simora spürt die Frequenzen, die das Ding aussendet. Und Rot bedeutet, dass sie nichts dagegen hat, mit diesem Ding in Kontakt zu treten.« Das sollte für die Menschen genug sein, um ihre Sorgen zu zerstreuen.

Dann erschienen auf dem Hologramm neben Simoras Farben andere Daten: wellenförmige Schwingungen, die von oben nach unten liefen und Simoras Farben kreuzten.

Das fremde Ding suchte nach Orientierung. So wie sie selbst vor wenigen Minuten noch gesucht hatte. Es gab keine Anzeichen zerstörerischer Absichten.

Die Emotionen Simoras antworteten auf die Pulsationen des unbekannten Dings: Leuchtend rote und gelbe Streifen umkreisten die wellenförmigen Schwingungen.

Vex’tor kicherte; er hatte verstanden, was geschah.

Aminah fuhr die senkrechten Schwingungen mit einem Finger ab. »Die Signale sind ... ein Ruf.« Sie versuchte sich an einer Interpretation; nicht schlecht. »Sie wollen keinen Konflikt. Sie erzählen uns eine Geschichte.« Vielleicht. Aber wie fanden sie heraus, was für eine Geschichte das war?

Zara Novak verzog ihre Miene. Sofort verdunkelten sich auf dem Hologramm die Farben, die von Simora kamen. Dieses Wesen war noch immer voller Zweifel.

Gab es einen Weg, die Kommandantin zu beruhigen und von der Friedfertigkeit dieses Dings zu überzeugen?

Adeline blickte zwischen dem Hologramm und der Kommandantin hin und her. Dann verschob sie einen Riegel und auf einem der Monitore tauchten Zeichen auf; eine Flut von Zeichen, die bald den ganzen Bildschirm bedeckten. Adeline bewegte ihre Lippen. Sie redete, aber die Übersetzungsschachtel verstand sie nicht. Sie müsste lauter sprechen. Oder sollte sie ihr die Schachtel geben? Nein, das ginge zu weit.

»Das kenne ich!« Zusammen mit ihrem Ausruf leuchteten Adelines Augen auf. Das war nun laut genug für die Schachtel. »Das kenne ich aus den historischen Vorlesungen in der Mars-Akademie.« Sie stemmte ihre Fäuste in die Hüften, Triumph in ihrem Blick. »Das gleicht den Signaturen alter intergalaktischer Sonden.«

»Was?« Die Kommandantin ging zu Adeline ans Terminal und studierte den Monitor.

Aminah gab laute Geräusche von sich, die die Übersetzungsschachtel als einen Ausdruck von Heiterkeit deutete.

Die Kommandantin lächelte Lir’na an: »Diese Sonden waren Erkundungssatelliten. Keine Waffen.« Das Ding hatte nicht die Absicht, das Sonnensystem anzugreifen. Das hatte Simora auch schon festgestellt. Aber wenn die Menschen dafür erst die Bestätigung ihrer eigenen Systeme brauchten, dann war es auch recht.

Zara Novak wandte sich an einen der Männer, die vor den großen Terminals saßen. »Sende eine einfache, binäre Antwort.« Sie berührte seine Schulter. Diese Menschen schienen die Angewohnheit zu haben, alle zu betatschen. »Eine Frequenz der Freundschaft.«

Der Mann begann, die Zeichen auf der Tischfläche vor sich zu berühren; auf seinem Monitor erschienen dieselben Zeichen in verschiedenen Reihenfolgen. Sie ähnelten denen, die das Ding gesendet hatte.

Tor’ven ging einen Schritt näher. »Was macht er?« Er sah Adeline fragend an. 

Die Schachtel übersetzte seine Worte und Adeline blinzelte. Die Frage schien sie zu verwirren. »Wie?« Sie blinzelte nochmal und sah zu dem Mann. »Er tippt. Er schreibt eine Nachricht an das Objekt.« Die Schachtel übersetzte getreulich.

Mit einer schwungvollen Bewegung drückte er – tippte er also – auf eine besonders große Taste und lehnte sich dann zurück. »Befehl ausgeführt, Kommandantin. Nachricht auf dem Weg.«

Es gab keinen Ton und kein Licht, als die Botschaft durch den Weltraum flog. Aber das fremde Ding bewegte sich gleich darauf anders als zuvor. Die wellenförmigen Schwingungen auf dem Monitor, die sich mit den Farben Simoras kreuzten, wurden flacher und langsamer.

Das fremde Ding näherte sich weiterhin. Dann aber wurde aus der geraden Flugbahn ein sanfter Bogen. Es wurde langsamer und schlug eine neue Bahn ein, die es in einen Orbit um die Venus führte.

Es hatte also beschlossen, im Sonnensystem zu bleiben; aber es schien wirklich ungefährlich zu sein.

Die Menschen hatten die richtige Botschaft gesandt. Weil es richtig gewesen war, preiszugeben, was Simora von dem fremden Ding hielt. Damit hatten Menschen und Merkurianer eine neue Einheit geschaffen, um gemeinsam zu bewältigen, was das All ihnen zumutete. 

Es änderte gewiss nichts daran, dass der Rat den Menschen misstraute; sie hatten gute Gründe dafür. Aber nun waren neue Wege offen.

»Na also.« Aminah trommelte auf den Tisch. »Wer hätte gedacht, dass ein bisschen Vertrauen und eine grüne Schachtel die Galaxie retten?«

Lir’nas Schuppen wechselten zu einem matten Blau. »Die Schachtel hat nichts gerettet. Ihr habt zugehört. Und Simora vertraut.«

»Warum sonst hätten wir gefragt, was ihr mehr als wir wisst?« Adeline klopfte Lir’na auf die Schulter.

Lir’na hielt einen Moment die Luft an, behielt ihre Schuppen aber unter Kontrolle. Handgreiflich zu werden, war eben ein typisch menschliches Benehmen, das keinen Unterschied zwischen »vertraut« und »fremd« machte.

Vielleicht war es nicht so falsch. Plötzlich sah sich Lir’na in Gedanken in einem Raumschiff unterwegs zu den Sternen über ihnen. Die Schuppen an ihren Armen leuchteten grün auf.

Vex’tor starrte auf ihren schimmernden Arm. Seine Worte knisterten vor Überraschung. »Oh nein! Denkst du, was ich denke, dass du denkst? Nicht ohne mich! Das machst du nicht allein!«

Tor’ven blickte zwischen ihnen hin und her. »Und auch nicht ohne mich! Wenn ihr in einem echten Raumschiff fliegt, komme ich mit!«

Die blöde Schachtel übersetzte das anscheinend alles, denn die beiden Kadettinnen und Zara Novak reagierten mit Beifall und Begeisterung.

»Das lässt sich einrichten.« Die Kommandantin klopfte Tor’ven, der ihr am nächsten stand, auf die Schulter. Dass er sich unter ihrer Berührung versteifte, schien sie nicht zu merken. »Vielleicht wenn das nächste Versorgungsschiff kommt.« 

Adeline ließ sich in einen Sessel fallen. »Ja, zur Mars-Akademie. Ihr könnt unsere Wissenschaftler kennenlernen.« 

Aminah nickte. »Und das Restaurant meiner Eltern. Meine Mutter kocht besser als die Mannschaft hier auf der Station.« 

»Deine Mutter hat Zugriff auf viel mehr Zutaten als unser Koch hier.« Der Techniker, der die Nachricht an das Ding geschickt hatte, warf Aminah einen seltsamen Blick zu.

»Aber Aminah, gegen Riveras Bortsch kannst du wirklich nichts einwenden.« Die Frau, die das sagte, war eine von denen, die Kaz’lar nach dem Erdbeben gerettet hatte.


Plötzlich gab es einen neuen Ton. Ein harmonisches Summen klang durch den Raum, aber diese Töne kamen nicht von dem fremden Ding. Es waren wohl auch nicht die Geräusche der Lebenserhaltungssysteme der Raumstation. Es war viel lauter, viel musikalischer.

Lir’na blickte von einem Menschen zum anderen. Offensichtlich kein Grund zur Besorgnis. Eher wurde die Heiterkeit auf ihren Gesichtern noch größer als nach dem geglückten Austausch mit dem fremden Ding.

»Was ist das?«, fragte Aminah. Sie kannte den Ton also auch nicht.

Die Kommandantin grinste breit. »Wir haben für die Station einen Adventsmodus. Die Ingenieure haben ihn vor Jahren installiert. Er läuft immer am 12. Dezember. Eigentlich ist es bloß eine irdische Sounddatei.«

Es war eine Melodie, ganz bestimmt. Sie wiederholte sich mit kleinen Veränderungen, wurde von Mal zu Mal schneller und die Töne stiegen höher. Dann kam eine Stimme dazu, die die Melodie aufgriff. So also sangen die Menschen.

Einer der Männer fiel in den Gesang ein, dann ein anderer. Dann sangen die beiden Kadettinnen auch und schließlich schloss sich die Kommandantin ihnen an.

Sie hörten sich fast wie Simora an, wenn die Stadt sich voller Zufriedenheit weiter durch die Labyrinthe des Merkurs ausdehnte. Es fühlte sich an, als würde auch hier etwas wachsen.

Im Rhythmus dieser Melodie begann sich zwischen ihnen, den Menschen und Simora ein Band zu weben. Bestimmt wechselten die Wände um den Stadtplatz jetzt zwischen beruhigendem Blau und fröhlichem Orange.

Die Stadt hieß die Verbindung zu den Menschen gut. Der Rat würde sein Kontaktverbot nicht aufrecht erhalten können.

Vex’tor grinste breit. »Rel’van wird schäumen.« Er hatte wieder einmal die gleichen Gedanken wie sie. Nur Tor’ven schaute noch ein wenig ratlos.

Lir’na streckte ihre Hand aus und klopfte ihm wie zuvor die Kommandantin auf die Schulter. »Das heißt, wir werden uns mit den Menschen verbrüdern.«

Die Übersetzungsschachtel hatte sich endlich zwischen den Tönen dieses Gesangs zurechtgefunden und begann zu übersetzen. Das Lied erzählte von rieselndem gefrorenem Wasser und einem stillen See. Es schien etwas mit dem Wetter auf der Erde zu tun zu haben.

Adeline drückte auf einen Schalter und die Decke der Raumstation verwandelte sich in ein Abbild des Sternenhimmels. Die Milchstraße war deutlich zu erkennen, aber der Rest der Sterne war ungewöhnlich konfiguriert. Vermutlich so, wie man sie von der Erde aus sah.

Die Melodie veränderte sich und die Übersetzungsschachtel erzählte nicht mehr vom Wetter, sondern von einer Nacht, die etwas Besonderes sein musste, denn sie wurde als »heilig« bezeichnet.

»Was bedeutet das?« Vex’tor blickte hoch zu diesem künstlichen Sternenhimmel.

»Advent.« Adeline ging einen Schritt auf ihn zu. Aber dann blieb sie stehen; sie hatte sein Zurückweichen wohl bemerkt. »So nennen wir die Wochen vor einem traditionell wichtigen Fest aus der Vorzeit der Erde. Ursprünglich hatte es etwas mit Religion zu tun. Später bedeutete es vor allem eine Zeit für Geschenke, Frieden und Freundschaft.« Sie bewegte eine Hand. »So ungefähr. So genau weiß man das nicht mehr.«

Von Zara Novak kam ein anhaltendes Geräusch, das die Übersetzungsschachtel wieder als ein Zeichen von Heiterkeit interpretierte.

Adeline fuhr herum. »Habe ich nicht recht, Zara?«

Die Kommandantin erheiterte sich noch mehr. »Doch doch.« 

Die Tür an der Seite öffnete sich mit einem zischenden Geräusch. Ein Mensch kam herein, der über einer dunklen Hose ein weißes Gewand trug und auf dem Kopf eine hohe weiße Konstruktion aus einem stabil aussehenden Material. Auf dem Kopf – kein Helm.

Er rollte einen fahrbaren Tisch herein, auf dem ein Kranz aus einem grünen Material stand, das irgendwie zusammengeflochten worden war. Auf ihm waren vier dicke, rote Gegenstände in glänzenden Halterungen befestigt. Zwei dieser roten Dinger brannten mit einer kleinen Flamme in ihrer Mitte. Darum herum und darunter auf einer zweiten Etage des Tischs standen Schüsselchen mit kleinen Gegenständen in verschiedenen Formen und Farben.

Adeline griff nach einem dieser Stücke: braun mit einer weißen Oberfläche. Sie hielt es Lir’na entgegen. »Gebäck. Versuch es.«

Die Schuppen an Lir’nas Armen stellten sich auf, aber von Simora kamen sanfte Schwingungen.

Lir’na nahm das Gebäck. Adeline nickte ihr zu und sie biss vorsichtig hinein. Eine überwältigende Mischung aus widersprüchlichen Geschmackselementen explodierte in ihrem Mund.

Sie schnaufte überrascht.

»Gut?« Adeline hielt Vex’tor ein ähnliches Stück Gebäck entgegen.

»Gut.« Lir’na biss das nächste Stück ab und Vex’tor nahm das Gebäck von Adeline entgegen. Tor’ven nahm ein anderes Stück aus einer der Schüsseln.

Vex’tor schmatzte. »Das ist etwas, was die Menschen besser können als wir.«

Die Schachtel übersetzte ungeniert und Aminah begann zu strahlen. »Plätzchen – das ist eine der besten Traditionen der Weihnachtszeit. Viele dieser Rezepte stammen aus uralten Büchern. Allerdings gibt es manche Zutaten praktisch nicht mehr und wir müssen improvisieren. Mit etwas ersetzen, das ihnen ähnelt.« 

»Aber das geht schon.« Die Kommandantin wies auf den Mann in der weißen Kleidung. »Unsere Köche sind Zauberkünstler. Und nun haben wir auch noch Kadettin Khalil mit ihren genialen Ideen.«

Aminahs Gesicht färbte sich dunkelrot. »Es sind nicht meine; sie stammen von meinen Eltern. Oder von Großmama.«

Die Menschen von den verschiedenen Arbeitsstationen verließen ihre Plätze; viele schalteten auch ihre Monitore aus. Sie versammelten sich um den Tisch mit den Plätzchen und begannen zu essen.

Immer wieder hielten sie Lir’na und den anderen beiden eine Schüssel hin und nötigten sie, ebenfalls zuzugreifen.

Was Vex’tor mit wachsender Begeisterung und Tor’ven mit abnehmendem Misstrauen tat.

Schließlich aß auch Lir’na noch ein Gebäckstück. Es schmeckte wie eines dieser wabbeligen Tiere aus dem Quecksilbersee. Sie schüttelte sich. Aber niemand schien es zu merken.

Dann brachte jemand eine Kiste mit Flüssigkeiten in verschiedenen Farben. Aus einem Schrank unter dem großen Hologramm des Sonnensystems wurden gläserne Trinkbehälter geholt und gefüllt.

Die Krise mit dem fremden Ding war offensichtlich vergessen, die Atmosphäre wurde heiterer und heiterer. Hin und wieder sang jemand eines der Lieder mit, die die ganze Zeit im Hintergrund spielten. Es klang allerdings recht ungelenk; singen war anscheinend keine Fertigkeit, die die Menschen pflegten.

Lir’na schaute auf Vex’tor, der inzwischen ein Trinkgefäß mit einer hellgrünen Flüssigkeit in der Hand hielt. Offensichtlich war er davon ebenso begeistert wie vom Gebäck. Handel mit den Menschen konnte wohl wirklich nützlich sein.

Sie beobachtete Adeline und Aminah, die sich mit Tor’ven unterhielten. Bruchstücke der Übersetzung klangen bis zu ihr. 

Zum ersten Mal sahen sie, wie die Menschen lebten. Mitten unter ihnen zu sein, lehrte sie so viel mehr als sie aus der Ferne zu belauschen. Zor’nak hatte recht, sich über die Einwände des Rats hinwegzusetzen.

Die Menschen waren seltsam, aber bestimmt nicht gefährlich. Der Weg zu einer Einheit mit dieser hemmungslos neugierigen Spezies, die vor wenigen Jahren in ihrem Orbit aufgetaucht war, würde unübersichtlich sein wie die verzweigten Gänge unter der Merkuroberfläche. Aber vielleicht musste Einheit nicht perfekt sein. Vielleicht reichte es, wenn sie funktionierte wie eine halbwegs ausbalancierte Frequenz.

Lir’na atmete langsam ein und griff mutig nach einem weiteren Gebäckstück.


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